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Mitteldeutsche Zeitung Halle, 27.09.2013

Von Silvia Zöller

Eine der Messingplatten erinnert seit gestern an die von den Nationalsozialisten ermordete Schwester des Schriftstellers Lion Feuchtwanger. Ein zehnter Stein konnte nicht verlegt werden, da weitere Recherchen nötig sind.

 

Der Kölner Künstler Gunter Demnig setzt den Stein ein. (BILD: Jens Schlüter)
Sie war eine lebenslustige Frau, die als Redakteurin im halleschen Fünf-Türme-Verlag ihres Bruders Martin Feuchtwanger arbeitete. Doch während sich ihre fünf Geschwister, darunter der Schriftsteller Lion Feuchtwanger, vor den Nazis in Sicherheit bringen konnten, wurde Bella Feuchtwanger wegen ihrer Zugehörigkeit zur jüdisch-orthodoxen Glaubensgemeinschaft 1943 ermordet.

Seit Donnerstag erinnert ein Stolperstein vor ihrer früheren Wohnung in der Geiststraße 1 an das Schicksal der Schwester des berühmten Schriftstellers. Der Kölner Künstler Gunter Demnig verlegt die Messingplatte vor dem Gebäude, das früher einmal als Café David bekannt war. Bella Feuchtwanger wohnte vom Ende der 20er Jahre bis 1935 dort in der dritten Etage.

„Über ihren Lebensweg ist wenig bekannt“, sagte Heidi Bohley vom Zeitgeschichten-Verein bei der Verlegung. Auch über das Schicksal und die Rolle des Rabbiners Traubkatz, mit dem sie verheiratet war, wisse man nichts, so Bohley. Ende der 20er Jahre soll Martin Feuchtwanger seine Schwester nach Halle geholt und ihr die Wohnung direkt neben seiner eigenen besorgt haben. Warum Bella 1933 nicht zusammen mit Martin, der mehrfach festgenommen und bedroht worden war, nach Prag gegangen ist, bleibt offen.

Erst 1935 folgte sie ihrem Bruder und nahm auch die tschechische Staatsbürgerschaft an. Ihr gelang jedoch nicht wie ihren Geschwistern die Flucht in ein sicheres Land. Im Mai 1943 wurde sie nach Theresienstadt deportiert - danach verliert sich ihre Spur.

An sieben weiteren Punkten in der Stadt wurden neun Stolpersteine verlegt, die an hallesche Juden erinnern, die in den Vernichtungslagern getötet wurden. Ein zehnter Stein, der dem Medizinprofessor Arnold Japha gewidmet ist, konnte nicht verlegt werden, weil dessen damalige Wohnung in der Schwuchtstraße 17 nicht identisch ist mit der heutigen Zählung - was aber erst gestern bekannt wurde. Hier soll nun weiter recherchiert werden.

Auf Demnig wartet nach der Verlegung in Halle nun ein besonderer Termin in Frankreich: Am Wochenende wird er in der Vendée den bislang westlich gelegensten Stolperstein in die Erde bringen. Südlich von Moskau liegt der östlichste der bislang 43 000 Stolpersteine aus seiner Werkstatt.

Artikel URL: http://www.mz-web.de/halle-saalekreis/holocaust-gedenken-neun-neue-stolpersteine-in-halle-verlegt,20640778,24455192.html


KORREKTUR

Die Mitteldeutsche Zeitung berichtete über die Verlegung neuer STOLPERSTEINE in Halle.
Leider haben sich in den Artikel ein paar Fehler eingeschlichen, die wir berichtigen möchten:

.... während sich ihre fünf Geschwister, darunter der Schriftsteller Lion Feuchtwanger, vor den Nazis in Sicherheit bringen konnten, wurde Bella Feuchtwanger wegen ihrer Zugehörigkeit zur jüdisch-orthodoxen Glaubensgemeinschaft 1943 ermordet...

> Bella F. hatte acht Geschwister
> verfolgt wurde Bella F. wegen ihrer jüdischen Herkunft. Möglicherweise war sie sogar von den orthodoxen Ansichten ihres Vaters abgerückt. Ob sie und ihr Bruder überhaupt Mitglieder der Jüdischen Gemeinde waren, ist mir nicht bekannt. Die Glaubensrichtung hat die Nazis nicht interessiert. Beispiel Prof.Japha: der evangelisch Getaufte war deutsch-national gesinnt und hatte mit der jüdischen Glaubensgemeinschaft nie etwas zu tun, was ihn nicht vor Verfolgung schützte. Andererseits wurden Konvertiten, die "arischer" Herkunft waren nicht deportiert, auch wenn sie Mitglieder in einer Jüdischen Gemeinde waren.

... Ende der 20er Jahre soll Martin Feuchtwanger seine Schwester nach Halle geholt und ihr die Wohnung direkt neben seiner eigenen besorgt haben...
> Das stimmt leider auch nicht. Martin F. wohnte in seinem Haus in Diemitz.

Das Problem Schwuchtstraße konnte inzwischen geklärt werden:
Im Jahr 2000 wurden die Hausnummern neu vergeben und die Japha-Villa Schwuchtstraße 17 trägt jetzt die Hausnummer 6. Wir werden den Stein demnächst mit Unterstützung des Eigenbetriebs der Stadt dort verlegen.

 


Mitteldeutsche Zeitung Halle, 11.06. 2012


Adventisten halten Erinnerung wach

Stolperstein für Johann Hanselmann in der Kleinen Märkerstraße verlegt.

VON SILVIA ZÖLLER

Er wurde von den Nazis 1940 in Halle verurteilt wegen seines Glaubens. Denn Johann Hanselmann war Adventist - die evangelisch-freikirchliche Gemeinschaft lehnt damals wie heute den Kriegsdienst ab. Um an den engagierten Christen zu erinnern, der 1942 im Konzentrationslager Sachsenhausen ermordet wurde, verlegte die hallesche Adventisten-Gemeinde am Samstag einen Stolperstein für Johann Hanselmann vor ihrem Gemeindehaus in der Kleinen Märkerstraße.

Dass dies an einem Samstag begangen wurde, ist kein Zufall: Bei den Adventisten ist der siebte Tag, der Samstag, der besondere Feier- und Ruhetag. Er wird wie bei den jüdischen Glaubensgemeinschaften Sabbat genannt.

 
Friedrich Herbolsheimer, Dietmar Eißner und Pastor Gerhard Peters (v.l.) legen Blumen am Stolperstein für Johann Hanselmann nieder. Foto: Andreas Heine

Auch wenn Johann Hanselmann kein Hallenser war, so war er seit 1929 als Pastor und Vorsteher der ostdeutschen Adventisten-Vereinigung auch für Halle zuständig. Nachdem die Nationalsozialisten die Glaubensgemeinschaft 1936 als "Sekte" verboten hatten, konnte Hanselmann seine seelsorgerischen Tätigkeit aber dennoch im Untergrund weiterführen. Durch seine Arbeit als Handelsvertreter reiste er durch Deutschland und übernahm so auch nach dem Verbot Aufgaben wie Beerdigungen. Mehrfach wurde er deswegen verhaftet und wieder freigelassen - bis Hanselmann und 20 weitere Gemeindemitglieder 1940 wegen eines Gottesdienstes verhaftet wurde, den sie gefeiert hatten. Über ein ganz persönliches Erlebnis konnte der 78-jährige Vorsteher der westdeutschen Adventisten-Gemeinschaft, Friedrich Herbolsheimer, berichten: Hanselmann hatte 1939 trotz des Verbots seine Großmutter in Tübingen beerdigt.

Die Idee zu der Stolperstein-Ehrung stammt von Gemeindemitglied Dietmar Eißner. Der Hallenser beschäftigt sich mit der Geschichte der Adventisten, die in diesem Jahr das 115-jährige Bestehen in der Saalestadt feiert. Da sich auch die Ermordung von Hanselmann zum 70. Mal jährt - der die Verhaftung in Halle vorangegangen war - hat die Gemeinde dies eingebunden, so Eißner.



   


Gunter Demming im Einsatz: Der Künstler zementierte gestern elf Stolpersteine ein, hier in der Carl-von-Ossietzky-Straße.
FOTOS: LUTZ WINKLER


Mitteldeutsche Zeitung Halle, 30.05.2012

Tod in Sobibor

VON SILVIA ZÖLLER

Es war scheinbar ein ganz normaler Personenzug, der am 1. Juni 1942 im halleschen Bahnhof einfuhr. Und viele der Passagiere, allesamt jüdischen Glaubens stiegen ahnungslos ein. Durch Falschinformationen dachten sie, dass sie ins Ausland abgeschoben wurden. Doch tatsächlich war es der erste Todeszug aus Halle in das Vernichtungslager Sobibor an der polnisch-ukrainischen Grenze. 132 Frauen, Männer und Kinder aus Halle wurden noch am Ankunftstag ermordet.

Drei von ihnen waren die 62-jährige Thekla Cohn, ihre Schwiegertochter Recha Cohn - damals 28 - und ihre dreijährige Tochter Hannacha. Ein Stolperstein vor der ehemaligen Wohnung in der Feuerbachstraße 75 erinnert an ihr Schicksal. Und eine Lebensbeschreibung, die der nach Israel emigrierte Bruder von Recha Cohn, Yoram Grünspan, dem halleschen Verein Zeitgeschichten kürzlich überlassen hat, dokumentiert ihre Tragödie.

Die hübsche und künstlerisch begabte Recha Grünspan wird im thüringischen Sonneberg geboren. Ein Onkel lebt in München - vielleicht hat sie über ihn ihren zukünftigen Ehemann Richard Cohn kennengelernt, einen gebürtigen Hallenser und Juristen. Am 25. Januar 1938 heiraten beide in München. Sie verbringen die Flitterwochen in Palästina und werden von Verwandten, die bereits emigriert sind, überzeugt, zu bleiben. "Sie zögern, weil sie sich um Richards Eltern in Halle kümmern müssen", schreibt Grünspan.

Im Sommer 1938 zieht das frischverheiratete Paar in die Feuerbachstraße 75. Auch nachdem sie von verzweifelten Versuchen weiterer Verwandter erfahren, eine Einwanderungsgenehmigung nach Israel zu erhalten, werden sie nicht aktiv. Richards Bruder, der im Nachbarhaus wohnt, geht im Juli 1938 nach Paris.

Am 12. November 1938, also nur wenige Tage nach der Reichskristallnacht, wird das Baby Hannacha in Halle geboren. Und kurz darauf verhaftet die Gestapo Richard und bringt ihn nach Buchenwald. "Später wird er entlassen - unter der Bedingung, Deutschland unverzüglich zu verlassen", notiert Rechas Bruder. Von seinem Exil in England aus, versucht er vergeblich, Emigrationspapiere für seine Ehefrau zu bekommen.

Die Post zwischen den Eheleuten wird immer verzweifelter, im März 1940 schlägt Recha eine Auswanderung nach Bolivien vor. Bis zum Mai 1942 ist die 28-Jährige als "ehrenamtliche Mitarbeiterin" eines "Altersheims" in der Dessauer Straße tätig: "Dabei handelte es sich um ein Sammellager auf dem Gelände des jüdischen Friedhofs", erläutert Heidi Bohley vom Verein Zeitgeschichten. Kurz vor der Deportation erhalten alle vorgesehenen Juden ein Schreiben von der Gestapo: "Behördlicherseits ist uns versichert worden, dass für alle Transportteilnehmer am Zielort des Transportes anständige Unterkünfte und die Möglichkeit zur Beschaffung eines ausreichenden Lebensunterhaltes vorhanden ist."

Auch Recha, Hannacha und Thekla Cohn steigen in diesen Zug am 1. Juni ein.

Am 3. Juni 1942 wurden sie von den Nazis in Sobibor ermordet.

 
Recha und Hannacha Cohn.
(FOTO: PRIVAT)


Mitteldeutsche Zeitung Halle, 25.08. 2009

Elf Quader für elf Schicksale

STOLPERSTEINE Der Kölner Künstler Gunter Demming verlegte zum neunten Mal Messingplatten, die an Holocaust-Opfer erinnern. Ein Buch berichtet vom Überleben.

VON SILVIA ZÖLLER

HALLE/MZ - In 474 Städte in Deutschland liegen sie bereits. Und auch Halle: Gestern verlegte der Kölner Künstler Gunter Demming zum neunten Mal Stolpersteine in der Saalestadt. Elf kleine Quader mit einer gravierten Messingplatte erinnern an die Schicksale von elf jüdischen Männern, Frauen und Kindern, die Opfer des Holocaust wurden. Damit sind jetzt 130 Stolpersteine verlegt, so Heidi Bohley vom Verein "Zeitgeschichten".

Die Aktion wird ausschließlich durch Spenden finanziert. Sie soll dazu beitragen, dass man über die Geschichte stolpert und nachdenkt: "Es gab eine Zeit, in der die Leute weggeschaut haben und nicht eingeschritten sind", sagte Kulturdezernent Tobias Kogge.

 

 
Zwei besondere Gästen waren gestern zur Verlegung gekommen: Nachfahren der jüdischen Chemikerin Wera Tubandt, die in der Carl-von-Ossietzky-Straße einen Stolperstein erhielt. Ihre 85-jährige Adoptivenkelin Brigitte Tubandt und deren 82-jährige Schwester Marianne Laube waren sichtlich bewegt. "Ich musste mich sehr zusammennehmen", bekannte Brigitte Tubandt. Zuvor hatten die beiden Frauen Unterlagen des Akademiker-Paars an das Archiv der Franckeschen Stiftungen übergeben. Wera Tubandt hatte sich 1944 das Leben genommen, um einer Deportation zu entgehen (MZ berichtete).

Auch an vier weiteren Orten zementierte Demming die Mahnmale ein. So erinnern sie in der Adolf-von-Harnack-Straße an die hochbetagten Schwestern Franziska, Elise und Margarethe Salomon, die 1942 ebenfalls angesichts der drohenden Deportation in den Freitod geflüchtet waren - der Suizidversuch der 81-jährigen Franziska scheiterte jedoch. Sie starb 1943 im KZ Theresienstadt. Rosalie Levi und ihre Tochter Leonie, die in der August-Bebel-Straße wohnten, wurden 1942 im polnischen Vernichtungslager Sobibor vergast. Leopold, Olga und Ilselotte Nußbaum, an die jetzt ein Stolperstein in der Bernhardystraße erinnert, wurden in Buchenwald und Auschwitz ermordet.

Das Schicksal des polnischen Juden Yedida Geminder und seiner Familie, für die am Mühlweg ein Stolperstein verlegt wurde, ist in einem Buch nachzulesen: Die 1930 in Halle geborene Tochter Irene, die heute in Jerusalem lebt, hat ihre Erinnerungen veröffentlicht. Die Geminders, die am Reileck einen Wollwarenladen hatten, wurden im Oktober 1938 mit 120 weiteren polnischen Juden aus Halle vertrieben und im polnischen Grenzgebiet ausgesetzt. Irene überlebte den Holocaust, weil sie sich 22 Monate in einem Hühnerstall versteckte. Mutter und Schwester entgingen -anders als Yedida Geminder - der Ermordung durch die Nazis, weil sie auf Oskar Schindlers Liste standen.

Irene Eber: "Ich bin allein und bang.
Ein Mädchen in Polen 1939-1945".
München: C.H.Beck, 2007. 19,90 Euro.



 


Mitteldeutsche Zeitung Halle, 21.08. 2009

Chemikerin flüchtete 1944 aus Angst in den Selbstmord

Mit der Verlegung eines Stolpersteins in der Ossietzky-Straße wird die jüdische Wissenschaftlerin Wera Tubandt geehrt.

HALLE/MZ/SZÖ - Ihre akademische Karriere war besonders: Als erste Frau in Hessen legte Wera Tubandt 1904 die Promotion ab. Doch das persönliche Schicksal der jüdischen Chemikerin, die nach ihrer Heirat mit dem halleschen Chemie-Professor Carl Tubandt in der Saalestadt lebte, ist umso tragischer. Um der bevorstehenden Deportation zu entgehen, nahm sie sich 1944 das Leben. Mit der Verlegung eines Stolpersteins vor ihrem Wohnhaus in der Carl-von-Ossietzky-Straße 16 wird am Montag an die Akademikerin erinnert.

Dass das Schicksal der Wissenschaftlerin nicht in Vergessenheit geraten ist, dafür hat der Berliner Lutz Wedemann gesorgt. Der 69-Jährige ist mit Nachfahren von Wera Tubandt befreundet. "Ich bin historisch interessiert und wollte die Geschichte der Tubandts erforschen, um für das Ehepaar ein Zeichen zu setzen", so Wedemann.

Er sichtete nicht nur alte Unterlagen, sondern nahm auch Kontakt zu dem halleschen Lehrer Volkhard Winkelmann auf, der zusammen mit Schülern des Südstadt-Gymnasiums das Gedenkbuch "Juden in Halle" erstellt hat. Wedemann regte auch die Verlegung eines Stolpersteins an.

     

1927 kaufte das Ehepaar Tubandt, das zum Bildungsbürgertum in Halle zählte, das Haus in der heutigen Carl-von-Ossietzky-Straße, die damals Bismarckstraße hieß. Bis dahin hatten beide ein Bilderbuch-Leben geführt: Wera, geborene Krilitschewsky, war 1881 in Odessa am Schwarzen Meer als Tochter einer reichen jüdischen Kaufmannsfamilie geboren worden. Sie studierte in Halle und Gießen und lernte ihren späteren Mann, Carl Tubandt, vermutlich beim Studium kennen. Vor der Heirat 1904 konvertierte die Chemikerin zum evangelischen Glauben.

Carl Tubandt, Sohn einer evangelischen Handwerkerfamilie, promovierte und habilitierte in Halle und erhielt ab 1921 eine Professur an der Universität Halle.

Doch 1937 wendete sich das Blatt. Tubandt wurde wegen seiner jüdischen Ehefrau entlassen. Das Ehepaar zog nach Berlin, jedoch starb Carl Tubandt bereits 1942. "Damit wurde Wera ab diesem Jahr vogelfrei", sagt Lutz Wedemann. Die Töchter versuchten vergeblich, ihre Mutter zu verstecken, dennoch erhielt Wera Tubandt 1944 die Aufforderung zur Deportation. Danach sah sie wohl nur noch einen Ausweg: Sie nahm sich am 9. Februar 1944 in Berlin das Leben.

Weitere Stolpersteine werden am Montag für Elise, Franziska und Margarethe Salomon in der Adolf-von Harnack-Straße verlegt; ebenso für die Familien Levi (August-Bebel-Straße), Nußbaum (Bernhardystraße) und Geminder und Riesel (Mühlweg).

   



 
 

Mitteldeutsche Zeitung Halle, 19.05. 2008

Stolpersteine mit Rosen geschmückt
Erinnerungen an Schicksal der jüdischen Familie Fritz Schwab - Feierstunde vor der Rannischen Straße 1

von Heidi Pohle

Stolpersteine zum Gedenken an vertriebene und ermordete hallesche Juden und
andere Bürger in der Nazizeit werden in Halle seit 2004 verlegt. Am Samstag kamen elf hinzu, so dass es nun 120 sind. Fünf davon erinnern in der Rannischen Straße 1 an Familie Schwab.

Max Schwab hat Rosen mitgebracht, für jeden eine. Für Fritz Schwab und seine Frau Zlata, sowie für die dreit Töchter Margit, Edith und Liliane. Behutsam legt er die Blumen neben die im Gehweg eingelassenen Steine. Der 76-jährige emeritierte Professor der Uni Halle ist froh, dass an seine Verwandten, die 1943 in Auschwitz umkamen, nun Stopersteine vor jenem Eckhaus am Eselsbrunnen erinnern, in dem sie zuletzt lebten. Er kennt erst seit kurzem das Schicksal des Cousins seines Vaters und das seiner Großcousinen, die nur wenig älter waren als er selbst. Ihr Weg in die Emigration ist noch nicht ganz erforscht; zudem gibt es bislang nur von Vater, Mutter und Margit Fotos. "Deshalb werden wir weiter nach Spuren suchen", sagt Max Schwab. Er überlebte den Holocaust, weil seine Mutter zwar den jüdischen Glauben angenommen hatte, aber im Nazi-Regime als arisch galt. Sein Vater Julius jedoch wurde wie die Familie Fritz Schwabs in Auschwitz ermordet.

 
Diese fünf Stoppersteine erinnern an die Familie von Fritz Schwab, die vor der Emigration in der Rannischen Straße 1 wohnte. Max Schwab hatte für jeden seiner Verwandten eine Rose ausgelegt sowie drei Bilder - von Fritz, Zlata und Margit Schwab.
 

Max Schwab sprach ein jüdisches Gebet für seine Verwandten. (MZ-Fotos: Thomas Meinicke)



Den Anstoß für die Recherchen hatte Uwe Maul gegeben, der mit seinen Schülern vom Herder-Gymnsium auf die Spur der Schwabs gestoßen war. Volkhard Winkelmann, einst Lehrer am Südstadt-Gymnasium, erforscht seit Jahren die Geschichte von Holocaust-Opfern und recherchierte ebenfalls. Und zwar online in der Datenbank der israelischen Gedenkstätte Yad Vashem. Dort fand er die Namen ebenso wie im Archiv des Konzentrationslagers Buchenwald.

So stehe fest, dass der Kaufmann Fritz Schwab, geboren 1891, mit Tochter Edith (geb. 1928) über Prag nach Belgien emigrierte. Seine Frau Zlata, eine 1904 geborene Polin, wurde mit Margit (1927) und Liliane (1929) wenig später im Jahr 1938 von der Polizei aus Halle ausgewiesen. Über Frankreich und Holland kamen auch sie nach Belgien, lebten in Mechelen in einer als Sammellager umfunktionierten Kaserne. "Dort begann die SS 1942, Juden mit Zügen der deutschen Reichsbahn nach Auschwitz zu transportieren", erzählt Volkhard Winkelmann. Über 25 000 seien es innerhalb von zwei Jahren gewesen, darunter auch die Schwabs.
Da Fritz und Edith am 18. Januar 1943 im KZ Auschwitz ermordet wurden und Zlata mit Margit und Liliane drei Monate später, am 21. April, sei anzunehmen, dass sich die Familie nach ihrer Trennung nie wieder gesehen habe, so Winkelmann. Er hat bislang die Schicksale von 391 Juden aus Halle dokumentiert und sie im "Gedenkbuch für die Toten des Holocaust aus Halle" festgehalten, dessen dritte Auflage demnächst erscheint.

Max Schwab, Mitglied der jüdischen Gemeinde Halle, lernte seine Großcousinen und deren Eltern nie kennen, wusste nichts von ihrer Existenz, da sie schon wenige Jahre nach seiner Geburt ausgewandert waren. Umso dankbarer sei er, wie er sagte, dass nun an sie erinnert werde. Vielleicht gelinge es ihm ja, in Mechelen noch Fotos von Edith und Liliane zu finden. Bewegt dankte er allen, die sich an der Suche nach seinen Verwandten beteiligten sowie dem Kölner Künstler Gunter Demnig. Er fertigte die mit einer Messingtafel versehenen Steine an. Mit einem Gebet, das die Juden für Holocaust-Opfer sprechen, beendete er die Feierstunde.

 
 
 

An Alfred Löwe erinnert dieser Stolperstein vor der Meckelstraße 4, der zu den gestern neu gelegten Steinen gehört.

  Mitteldeutsche Zeitung Halle, 15.12. 2007

Stolpersteine für Euthanasie-Opfer
Gedenken an sechs Männer und eine Frau aus Halle, die in Bernburg von Nazis getötet wurden

Mit der Verlegung von sieben neuen Stolpersteinen durch den Verein "Zeitgeschichte(n)" ist gestern die Zahl der Stolpersteine in Halle auf 108 gewachsen. Alle sieben Steine erinnern an hallesche Juden, die im Rahmen des Euthanasie-Tötungsprogramms der Nationalsozialisten in Bernburg ums Leben kamen.
In fast allen Fällen war in den 40er Jahren versucht worden, die wahren Hintergründe zu vertuschen. So etwa bei Alfred Löwe, der aus einer jüdischen Familie aus Magdeburg stammte. Er ließ sich christlich taufen und war später als Pfarrer in Halle tätig. Die Ohnmacht gegen die Schikanen der Nationalsozialisten löste bei ihm eine depressive Erkrankung aus, wegen der er gegen seinen Willen 1939 in die Landesheilanstalt Altscherbitz eingewiesen wurde. Am 28. November 1940 wurde er in Bernburg getötet - der Familie teilte man jedoch mit, er sei an einer Lungenentzündung gestorben. Seit gestern erinnert ein Stolperstein vor dem Haus Meckelstraße 4 an ihn.
Auch Wolfgang Brühl, für den ein Stolperstein am Alter Markt 12 verlegt wurde, ist im Juni 1941 in Bernburg vergast worden - offiziell wurde Diphterie als Todesursache deklariert. Der erst 14-jährige litt an einem Anfallsleiden, doch die Nationalsozialisten stempelten das jüdische Kind als "schwachsinnigen Psychopathen" ab.
Hugo Adler, der in der Breiten Straße 19 wohnte, und Friedjof Wagner (Georg-Canter-Str. 33) wurden ebenfalls mit Autoabgasen in Bernburg getötet und die Nazis fälschten ihre Sterbedaten und -orte. Besonders tragisch ist aber die Geschichte, die die Stolpersteine in der Kleinen Ulrichstraße 8 erzählen: Sie erinnern an die Geschwister Erna, Otto und Kurt Hummel, die aus einer jüdischen Familie aus einfachen Verhältnissen stammten. Sie waren bereits in den 20er und 30er Jahren nach und nach in die Landesheilanstalt Altscherbitz eingewiesen worden. Aus den Akten sind "hochgradiger Schwachsinn" oder "Schizophrenie im Endstadium" angegeben. Otto und Kurt wurden 1940 in Bernburg vergast, Erna in Bernburg, nachdem sie in der menschenverachtenden Sprache der Nazis "zur Ausmerzung freigegeben" worden waren.

 

Mit 14 Jahren wurde Wolfgang Brühl umgebracht.
 

Leider ist die Berichterstattung zur Verlegung der sieben neuen STOLPERSTEINE fehlerhaft.
Wolfgang Brühl, die Geschwister Hummel und Friedjof Wagner stammten nicht, wie hier berichtet wird, aus jüdischen Familien und Alfred Löwe war zwar ein getaufter Jude, allerdings kein Pfarrer, sondern Kaufmann.


Mosaik der Erinnerung

Kommentar von Birger Zentner

  Halles Zeitgeschichte(n)-Verein zeigt einen langen Atem. Denn inzwischen sind es mehr als 100 Stolpersteine, die in Halles Straßen- oder Fußwegpflaster eingelassen worden sind. Jeder ist ein Mosaikstein in einem großen Bild wider das Vergessen, dem in unserer schnellebigen Gesellschaft viel zu vieles anheim zu fallen droht.
Es geht ja nicht allein um das Legen der Stolpersteine. Hinter jedem steckt eine ganz konkrete Geschichte, die erforscht werden, die man überhaupt erst finden muss. Denn es handelt sich oft um die dem Anschein nach unspektakulären Schicksale, die aber gerade deshalb umso bedrückender und nachdrücklicher an ein dunkles Kapitel deutscher Geschichte erinnern. Insbesondere trifft das auf die Euthanasie-Opfer der Nazi-Diktatur zu.
Es ist ein bleibendes Verdienst der Vereinsmitglieder und ihrer Mitstreiter, auf diese Weise sozusagen vor der Haustür historisches Geschehen fest- und Erinnerung wachzuhalten.


 
  Mitteldeutsche Zeitung Halle, 30.05. 2007

Zwölf neue Stolpersteine für Halle
Gedenken an ermordete Juden: 101 Messingplatten erinnern nun an Opfer der NS-Diktatur

 

Der Kölner Künstler Gunter Demnig hat gesetern in Halle zwölf weitere so genannte Stolpersteine verlegt. Unter anderem versenkte er zur Mittgaszeit im Gehweg vor dem seit geraumer Zeit leer stehenden Haus Brüderstraße 10 zwei der glänzenden Messingplatten. Sie erinnern an Bertha und Israel Meyerstein, die dort wohnten, 1942 deportiert und im Konzentrationslager Theresienstadt ermordet wurden. Seit 2004 hat Demnig allein in der Saalestadt bereits 101 Stolpersteine in Gehwege eingelassen. Insgesamt hat der Künstler in 239 deutschen Städten und Kommunen rund 11 500 Steine verlegt. Die glänzenden Platten von der Größe eines Pflastersteins erinnern an die Schicksale von Juden, politisch Verfolgten, Homosexuellen und anderen Opfern der NAZI-Diktatur. An das Leid dieser Menschen dürfe nicht nur in Archiven erinnert werden, sagte gestern Oberbürgermeisterin Dagmar Szabados (SPD). Mitinitiator der Aktion in Halle ist der Verein Zeit-Geschichte(n). Dessen Projektkoordinatorin, Heidi Bohley, sagte gestern, ihr sei wichtig, dass es "wenigstens einen kleinen individuellen Gedanken" an die Menschen gebe, bevor sie Opfer wurden. Bertha und Israel Meyerstein etwa betrieben in der Brüderstraße eine koschere Fleischerei; in ihrem Speisehaus in der Sternstraße - direkt neben der Synagoge - richtete das Paar an den jüdischen Feiertagen die Festessen für die Gemeindeglieder aus. Die Biografien der früheren Bewohner hat der Zeit-Geschichte(n)-Verein ins Internet gestellt; sie sollen auch in Buchform veröffentlicht werden, sagte Heidi Bohley gestern. Überdies suche man noch Interessenten, die sich mit der Geschichte der Sinti und Roma in Halle beschäftigen.
Die Aktion Stolpersteine geht weiter - auch in Halle. "Wir haben noch viel mehr Anwärter", sagte Heidi Bohley. Spender können die Patenschaft dem Projekt allgemein zukommen lassen oder sie einer bestimmten Person widmen. Im Dezember sollen die nächsten Messinplatten gelegt werden; sie werden dann vor allem an Euthanasie-Opfer erinnern, kündigte Heidi Bohley an.

Stolpersteine hat der Kölner Künstler Gunter Demnig gestern auch vor folgenden Häusern verlegt: Emil-Abderhalden-Straße 6, Halberstädter Straße 13, Kohlschütterstraße 6, Kohlschütterstraße 7/8 und Seebener Straße 11. Mindestens 100 weitere Steine sollen folgen.

 
 


Mitteldeutsche Zeitung
Halle, 13.12. 2006

Erinnerungen an jüdische Familie
Herder-Gymnasiasten erforschten Schicksale deportierter Frauen

 

Seit Dienstag liegen vor dem Haus Kleine Klausstraße 3 drei Stolpersteine. Sie erinnern an das Schicksal der Jüdinnen Lena und Gertrud Lichtenstein sowie an Henny Wachter-Lichtenstein. Der Kölner Künstler Gunter Demnig (rechts), der die Gedenksteine verlegt hat, im Kreise der Schüler vom Herder-Gymnasium. (Foto: MZ)

  Am 19. April 1943 fuhr vom belgischen Deportationslager Mechelen ein Zug nach Auschwitz. Zu den 1 631 Juden, die in den Tod geschickt wurden, gehörten zwei Schwestern aus Halle - Gertrud Lichtenstein und Henny Wachter-Lichtenstein.
Ihr Schicksal wäre wohl nie bekannt geworden, wenn sich nicht Schüler des Johann-Gottfried-Herder-Gymnasiums Halle damit befasst hätten. Ein Jahr haben sie geforscht; am Dienstag fand das Projekt seinen Abschluss: An die Frauen, geboren 1903 und 1899, erinnern nun Stolpersteine vor dem Haus Kleine Klausstraße 3. Auch für ihre Mutter Lena Lichtenstein hat der Kölner Künstler Gunter Demnig einen mit einer Messingplatte versehenen Betonquader in den Boden eingelassen. Was mit ihr geschah, ist bis heute nicht bekannt.
Aufmerksam geworden auf das Schicksal der jüdischen Frauen sind die Schüler durch ein Buch über eben jenen Deportationszug. "Das hat uns sehr berührt", erzählt der 19-jährige Lucas Wehner. Als sie unter all den Namen die der Hallenserinnen fanden, begannen elf Schüler mit Nachforschungen.
Anfangs kamen sie gar nicht so recht voran, obwohl sie ihre Recherchen bis nach Brüssel und Berlin ausdehnten. Erst als sie auf Gudrun Goeseke stießen, waren sie auf der richtigen Spur - die 82-Jährige verwahrt in Halle ein Archiv der jüdischen Gemeinde
* und konnte ihnen weiterhelfen.
"Nun erfuhren wir", sagt Lucas Wehner, "dass die Lichtensteins Hutmacher, Tuch- und Pelzhändler waren." 1933 starb der Vater, die beiden Söhne emigrierten 1936; Mutter und Töchter blieben in Halle, lebten in der Kleinen Klausstraße 3, einem Eckhaus, in dem sich heute eine Gaststätte im Erdgeschoss befindet. 1938 flohen sie nach Belgien, Henny heiratete dort. 1943 wurden alle drei deportiert.
"Aus Deportations-Nummern sind für uns Menschen geworden, die wir immer besser kennen lernten", sagt Lucas Wehner. Das sei spannend und berührend zugleich gewesen. Für ihn und seine Mitstreiter sind einzelne Schicksale eindringlicher als alle Zahlen über den Holocaust. Dass sich so etwas nie wiederholen dürfe, sei ihm vorher schon klar gewesen. Doch nun kenne er - wenn auch nicht persönlich - einige der ermordeten Juden näher.
Der Kölner Künstler Gunter Demnig hat mit dem Verein "Zeitgeschichte(n)" bereits zum fünften Mal in Halle Gedenksteine für die Opfer nationalsozialistischer Vernichtung verlegt. Am Dienstag und Mittwoch sind insgesamt 15 hinzugekommen, so auch in der Händelstraße 3, wo Emilie Oppenheimer, die Frau des Arztes der jüdischen Gemeinde, wohnte. In Halle gibt es damit 90 Gedenksteine, weitere folgen. Seit 1996 wurden in Deutschland 10 000 Stolpersteine verlegt.

* Richtigstellung durch Verein Zeit-Geschichten:
Die Archivarin Gudrun Goeseke hat aus ihren privaten Unterlagen Auskunft gegeben. Der hier im Text entstehende Eindruck, es handele sich um ein "Archiv der Jüdischen Gemeinde", ist falsch.


 

Mitteldeutsche Zeitung Halle, 5. 4. 2006

Stolpersteine gegen Vergessen

An zehn neuen Stellen wird der NS-Opfer gedacht - Erstmals Zeugen Jehovas geehrt

von von Frank Czerwonn

 
Der Kölner Künstler und Initiator der Stolperstein-Aktion, Gunter Demnig (r.), verlegte am Vormittag in der Kleinen Ulrichstraße 37 einen Stolperstein für Alfred Willi Tilke. Auf der Messingplatte steht auch der Tag, an dem dieser im KZ Neuengamme ermordet wurde. (MZ-Foto: Wolfgang Scholtyseck)
Halle/MZ. Gedenken heißt sich erinnern, heißt sich mit der Vergangenheit auseinander setzen, heißt innehalten und sich Zeit nehmen. Viele Hallenser nahmen sich am Dienstag Zeit, um hallescher Opfer des Nationalsozialismus zu gedenken. Vor zehn Häusern in der Stadt wurden zwölf neue Stolpersteine in den Boden eingepasst. Auf jedem steht in eine Messingplatte gestanzt der Name eines früher dort wohnenden Hallensers, der von den Nazis verfolgt und ermordet wurde. Neben jüdischen Mitbürgern wurden mit solchen Stolpersteinen erstmals drei Mitglieder der Zeugen Jehovas geehrt.

Einer dieser Steine liegt seit Dienstag vor der Kleinen Ulrichstraße 37. In dem Vorgängergebäude wohnte in den 30er Jahren Alfred Willi Tilke mit Frau und Sohn. 1937 wurde er als Bibelforscher (so nannten sich die Zeugen Jehovas damals) und wegen der Verteilung einer Resolution gegen das NS-Regime verhaftet und zu zwei Jahren Zuchthaus verurteilt. Tilke kam ins KZ Neuengamme, wo er 1940 ermordet wurde.

"Wir wollen ein Zeichen gegen das Vergessen setzen", erklärte Günther Schewe vom Informationsdienst der Zeugen Jehovas Halle vor etwa 70 Teilnehmern der Gedenkstunde. Zeugen Jehovas hätten den Mut gehabt, dem menschenverachtenden Regime Widerstand zu leisten. Auch Ernst Stößel und Hermann August Wollschläger, an die ebenfalls Stolpersteine erinnern, wurden wegen ihres Festhaltens am Glauben zu Opfern. An die Leidenswege und das Aufbegehren erinnerte der 75-jährige Helmut Schmidt, der selbst 1960 als Zeuge Jehovas im Roten Ochsen in Halle in U-Haft saß und zu vier Jahren Gefängnis verurteilt wurde.

Mit den am Dienstag verlegten Stolpersteinen, die vom Kölner Künstler Gunter Demnig geschaffen wurden, wuchs deren Zahl in Halle auf 74. "Die nächsten werden im August und Dezember verlegt", sagte Heidi Bohley vom Verein Zeit-Geschichten, die das Projekt betreut. "Ich bin stolz, dass wir dieses Vorhaben mit solcher Hartnäckigkeit umsetzen", sagte OB Ingrid Häußler (SPD). Die Steine lägen im Weg, sie sollten uns beunruhigen und zum Nachforschen anregen. Die Beschädigung der ersten verlegten Steine durch Rechtsradikale zeige "die Aktualität der Aktion".

Am Vormittag hatten Schüler des Südstadt-Gymnasiums einen Gedenkstein für die 1943 in Auschwitz ermordete Jüdin Henriette Sauer eingeweiht. Bei Recherchen zum Projekt "Juden in Halle" hatten Südstadt-Gymnasiasten 1998 die Sterbeurkunde der Hallenserin im KZ-Archiv gefunden. Dies war der Anfang einer Materialsammlung für ein "Gedenkbuch".

Gesucht werden Spenden oder Patenschaften.



18.12. 2005 Presseerklärung der Jüdischen Gemeinde Halle

Erneute Beschädigung der Gedenksteine für ermordete Juden in Halle


Am 16. Dezember 2005 wurden in der Großen Märkerstraße, am Jerusalemer Platz, in der Sternstraße und an weiteren Orten der Stadt Halle die Stolpersteine, die an ermordete jüdische Hallenser erinnern, mit Teer übergossen. Diese eindeutig geplante antisemitische Straftat verdient eine breite öffentliche und politische Verurteilung und Auseinandersetzung in der Stadt und im Land.
Die Aktion zeigt allerdings auch etwas anderes: die flach in den Boden eingelassenen, fast unscheinbaren kleinen Messingplatten, die an die Opfer des unmenschlichen, national-sozialistischen Systems erinnern, sind tatsächlich auch heute noch Stolpersteine. Holocaustleugner und ewig Unbelehrbare stolpern darüber und kommen für alle sichtbar zu Fall. Deswegen unterstützt die Jüdische Gemeinde auch weiterhin die Arbeit des Zeitgeschichte(n)-Vereins in dieser Richtung ausdrücklich. Entgegen einiger Mitteilungen hat die Jüdische Gemeinde zu Halle (Saale) keine Anzeige gegen Unbekannt erstattet, da sie nicht Eigentümer der Steine ist. Es gehört zum Aufgabenbereich der Stadt Halle, die notwendigen Maßnahmen zu ergreifen, um die Schänder zur Rechenschaft zu ziehen.
Der Zeitpunkt der Straftat ist sicherlich nicht zufällig gewesen. Die Uneinigkeit zwischen dem Land Sachsen-Anhalt, dem Landesverband und seinen jüdischen Gemeinden macht alle Beteiligten angreifbarer für ewig gestrige Antisemiten und Nachahmer, die dies als Zeichen der Schwäche der Demokratie halten. Opfer sind jedoch erneut die ermordeten jüdischen Hallenser geworden und alle, die die Erinnerung an sie bewahren möchten.

Max Privorozki
Vorsitzender




16.12.2005 Presseerklärung der Stadt Halle

Stolpersteine
Erneute Sachbeschädigung

Die Jüdische Gemeinde zu Halle hat heute den Verein Zeit-Geschichte(n) und die Stadtverwaltung informiert, dass es in der Nacht vom 15. zum 16. Dezember 2005 erneut zur Beschädigungen und Verunstaltungen der Stolpersteine im Stadtgebiet gekommen ist.
Die Steine erinnern an ermordete jüdische Bürgerinnen und Bürger, die bis zu ihrer Deportation in Halle gelebt haben. Auf Grund dieses Vorfalls hat die Jüdische Gemeinde zu Halle bei der Polizeidirektion Strafanzeige gegen Unbekannt erstattet.
Die Stadt Halle (Saale) reagierte empört auf dieses erneute Fehlverhalten und hat die sofortige Beseitigung der Verunreinigungen angewiesen. Darüber hinaus werden die Mitarbeiter des Stadtordnungsdienstes ihre Kontrollen verstärken. Vor einigen Häusern wurden seitens umsichtiger Bürgerinnen und Bürger verunstaltete Steine bereits gesäubert.
Oberbürgermeisterin Ingrid Häußler bittet die Hallenserinnen und Hallenser um Unterstützung bei der Suche nach den Verursachern.
"Wir dürfen es nicht zulassen, dass das Andenken an die jüdischen Bürgerinnen und Bürger von Halle derart missachtet wird", sagte Ingrid Häußler zu den erneuten Vorfällen.


Mitteldeutsche Zeitung Halle, 04.07.2005

Geste des Respekts gegenüber den Opfern
"Stolpersteine für Julius und Selma Schwab"

Halle/MZ/leb Vor dem Hotel Maritim am Riebeckplatz sind gestern zwei "Stolpersteine" verlegt worden. Die Pflastersteine aus Metall erinnern an Julius und Selma Schwab, zwei jüdische Hallenser, die von den Nationalsozialisten ermordet wurden. Ihre Villa stand in den 30er Jahren dort, wo heute das Hotel steht.

Julius Schwab wurde am 17. September 1942 im KZ Auschwitz vergast, seine Schwester Selma starb bereits im Juni im KZ Sobidor. "Es ist der Familie Schwab hoch anzurechnen, dass sie in Halle geblieben sind, trotz des Leids, das ihnen hier widerfahren ist", sagte Oberbürgermeisterin Ingrid Häußler (SPD). Julius Schwabs Sohn Max lehrte an der Universität in Halle Geologie und die Familie lebte immer noch in der Stadt. "Es gab immer wieder Hallenser, die den Schwabs geholfen haben", sagte die Initiatorin der Stolperstein-Legung Philine Kleine. Für Tobias Schwab, den Enkel von Julius Schwab, sind die Stolpersteine eine gute Form des Gedenkens: "Das ist das erste Mal, dass die Stadt das Leid meiner Familie wahrnimmt. Die Steine sind eine sehr zurückhaltende Geste des Respekts."

Seit 1992 erinnern bundesweit "Stolpersteine" an Opfer der Nationalsozialisten, allein in Halle wurden bisher rund 60 Steine verlegt.


Ein Erinnerungsfoto der Familie Schwab an ihre Villa am Riebeckplatz. Das Haus wurde im Krieg von Bomben zerstört. (Foto: privat)


Mitteldeutsche Zeitung Halle, 10.06.2005

Nazi-Terror löschte ganze Familien aus
Geschichte jüdischer Menschen - Stolpersteine in Märkerstraße
von Sylvia Pommert


Nur noch Teile eines einst an der Rückseite befindlichen Portals erinnern heute am Jerusalemer Platz an die in der Pogromnacht 1938 von den Nazis zerstörte jüdische Synagoge. Heidi Bohley (Mitte) erklärte während eines Rundgangs den ursprünglichen Standort.
(MZ-Foto: Günter Bauer)

Halle/MZ. Die Geschichte des Hauses Großer Berlin 8 bewegte am Donnerstagabend die Gemüter der Zuhörer im Saal der Jüdischen Gemeinde. 19 Menschen hatten einst in unmittelbarer Nachbarschaft zur jüdischen Synagoge gelebt, waren dann von den Nazis vertrieben, verschleppt und schließlich umgebracht worden. "Stolpersteine" zur Erinnerung an die Schicksale sollen hier noch im Juni in den Boden eingelassen werden. Vor dem Haus der Jüdischen Gemeinde, Märkerstraße 13, hatte der Kölner Bildhauer Gunter Demnig bereits am Mittag acht mit Messingplatten und Inschriften versehene Gedenksteine für die einstigen Bewohner eingepasst.

Das Haus neben der Synagoge existiert nicht mehr. In den 80er Jahren ließ es die Stadt ebenso wie die Reste der 1938 zerstörten Synagoge abreißen und Plattenbauten hinsetzen. Doch es gibt Bilder vom Großen Berlin 8. Lazar Herschkowicz hat sie im Jahre 1936 mit seiner Agfa-Box auf Zelluloid gebannt. Sie zeigen seinen Vater Leib, Mutter Sara und die kleine Schwester Hanna. Im oberen Stockwerk wohnte der Kultusbeamte Leib Herschkowicz. Seine Frau bot einen koscheren Mittagstisch für Bedürftige an und unterhielt eine Kaffeestube.

In der Nacht zum 29. Oktober 1938 wurde die Familie nach Polen vertrieben. Lazar Herschkowicz aber war die Flucht nach Palästina gelungen. Dort erhielt er eine Zeit lang noch Briefe von seiner Familie, bevor sich ihre Spur verlor. Lazar überlebte als einziger. Ein Kontakt zu ihm gelang dem ehemaligen Lehrer des Südstadt-Gymnasiums, Wolfgang Winkelmann, der mit seinen Schülern an einem Projekt zur Geschichte der halleschen Juden gearbeitet hatte. Einen Eindruck davon gab er am Donnerstag.

Auf einem Rundgang zwischen Märker-, Stern- und Kleiner Brauhausstraße - einst Zentrum jüdischen Lebens - hatten Heidi Bohley, Projektleiterin im Verein Zeitgeschichte(n), und Prof. Max Schwab, Mitglied der Jüdischen Gemeinde und Sohn des 1942 in den Gaskammern von Auschwitz ermordeten Julius Schwab, zuvor an das Schicksal weiterer Juden während der Nazizeit erinnert. So waren die Bewohner des Alten- und Siechenheims, das Ende 1939 im Großen Berlin 8, eingerichtet wurde, in die Lager Sobibor und Theresienstadt deportiert und dort ermordet worden. Auch die bis 1938 in der Sternstraße 11 lebende Jenny Padawer mit ihren beiden Töchtern überlebten das Konzentrationslager Stutthof nicht. Und vom Ehepaar Israel, Nachbarn der Padawers, gab es ab 1942 keine Lebenszeichen mehr. Ähnliche Schicksale erlitten die Ehepaare Heymann, Librach und Lipper sowie die Kinder Brigitte Klawanski und Heinz Riesel, für die am Mittag Gedenksteine vor der Großen Märkerstraße 13 eingelassen worden waren.

Während des Rundgangs regte die Staatssekretärin im Bundesfamilienministerium Christel Riemann-Hanewinckel (SPD) an, den im Innenhof zwischen Großem Berlin und Kleiner Brauhausstraße überwucherten Wall untersuchen zu lassen. "Möglicherweise finden wir hier ja Spuren der Synagoge."


 


Mitteldeutsche Zeitung Halle, 25.10.2004

«Stolpersteine» erneut verlegt
Gestohlene Tafeln wieder im Boden - Gedenken an Juden
von Heidi Pohle


Der Kölner Bildhauer Gunter Demnig, Heidi Bohley vom Verein Zeit-Geschichte(n) und Oberbürgermeisterin Ingrid Häußler (v. li.) vor den vier Gedenksteinen in der Leipziger Straße 4. Die kleinen Messingplatten tragen die Namen von Sofia Wenzymer und ihren Kindern. (MZ-Foto: Lutz Winkler)

Halle/MZ. Sofia Wenzymer und ihre drei Kinder Rosa, Helena und Siegfried lebten in der Leipziger Straße 4. Wenn sie das Haus verließen, konnten sie das Händel-Denkmal sehen. Musik von Händel gab deshalb den Auftakt zu einer kleinen Feierstunde vor dem einstigen Haus der jüdischen Familie, die bis zum 28. Oktober 1938 dort wohnte. Dann wurden Mutter und Kinder - der Vater war schon nach Argentinien emigriert, um dort die Ausreise seiner Familie vorzubereiten - von der Polizei abgeholt und deportiert. Ab 1940 gibt es keine Nachrichten mehr von ihnen.

Nun wird an das Schicksal der Wenzymers im Dritten Reich wieder erinnert - mit vier Gedenksteinen des Kölner Bildhauers Gunter Demnig. Es ist schon das zweite Mal, dass diese "Stolpersteine" auf dem unteren Boulevard verlegt werden. Im Mai waren sie, kaum im Boden, herausgerissen worden; die Täter sind bis heute unbekannt.

Diese ungeheuerliche Tat jedoch hatte viele Hallenser so empört, dass sie damals nicht nur Ersatzsteine organisierten, Rosen niederlegten und Kerzen an jener Stelle anzündeten. Das Konto des Vereins Zeit-Geschichte(n), der das Projekt betreut, wuchs beständig. "Die Hallenser lassen es sich nicht gefallen, wenn so etwas passiert", sagte Oberbürgermeisterin Ingrid Häußler (SPD) am Montag. Die Steine seien Mahnung und Zeichen zugleich.

Nach den Worten von Heidi Bohley vom Verein konnten von dem Geld zehn neue Steine verlegt werden. Seit Montag gehört das Haus in der Rannischen Straße 3 dazu. "Dort lebten meine beiden Onkel und meine Tante", erzählte Felix Alexander sichtlich bewegt. Der 81-Jährige war vor zwei Jahren aus Hessen wieder in die hallesche Gegend gezogen. Es sei schön, dass an seine Verwandten - Rudolf, Harry und Ruth Alexander - auf diese Weise gedacht werde. Alle drei kamen um - in Buchenwald, Auschwitz und Sachsenhausen. Auch Felix Alexander war im Konzentrationslager, drei Jahre lang in Moringen / Harz.

Die Steine, die zum Teil heute verlegt werden, zum Beispiel in der Feuerbachstraße 75 und in der August-Bebel-Straße 34, sind nicht die letzten. "Im Juni nächsten Jahres kommen noch einmal 50 Stück hinzu", so Heidi Bohley, die glücklich über die vielen Spenden der Hallenser ist.

Gunter Demnig hat mittlerweile über 4 000 Steine in Deutschland verlegt und jede Menge Aufträge, so dass Halle erst wieder im Juni an der Reihe ist. Stolpern kann man über die Steine nicht tatsächlich. Aber nachdenklich werden über das Schicksal Deportierter, die einst in Halle wohnten.



Magdeburger Volksstimme, 02.08.2004

Projekt Stolpersteine
Symbolisch
von Grit Warnat

Halle holt das Unfassbare in die Gegenwart. Quasi im Vorbeigehen werden die Hallenser mit dem grausamsten Kapitel deutscher Geschichte konfrontiert: Enteignung der jüdischen Bevölkerung, Deportation, systematischer Massenmord. Stolpersteine stoßen Fußgänger auf Einzelschicksale – unaufdringlich und trotzdem ergreifend.

Doch die kleinen Mahnmale im Gehweg stoßen nicht überall auf Zuspruch. Städte wie Leipzig und München lehnen das Projekt strikt ab. Leipzig vergleicht es absurderweise mit dem Hollywood-Boulevard in Los Angeles. Andere Städte haben Angst vor Schändung durch Rechtsextreme. Für eine Ablehung finden sich immer Gründe. Leider.

Halle hingegen wollte das Projekt. 50 Stolpersteine werden vorerst verlegt. Nicht für jedes NS-Opfer kann es einen geben. Viel wichtiger ist der Symbolcharakter. Jeder einzelne Stein hält die Erinnerung an das Unfassbare wach.


 

Magdeburger Volksstimme, 02.08.2004

Halle beteiligt sich als einzige Stadt Sachsen-Anhalts am Projekt des Kölner Künstlers Gunter Demnig
Kleine «Stolpersteine» im Gehweg halten Erinnerung an NS-Opfer wach
von Grit Warnat

Sie sind 10 mal 10 Zentimeter groß, aus Beton und mit einer Messingplatte versehen: "Stolpersteine", die vor deutschen Häusern in den Gehweg eingelassen werden. Mit den Worten "Hier wohnte ..." erinnern sie an die einstigen jüdischen Bewohner, die den Holocaust nicht überlebten. Halle hat sich als einzige Stadt Sachsen-Anhalts der Stolperstein-Aktion des Kölner Künstlers Gunter Demnig angeschlossen.

Halle. Hermine und René Hirschfeld brachten jeden ihrer vier Söhne zur Bahn und mussten Abschied nehmen von ihren Kindern. "Der Zug rollte aus dem Bahnhof und überließ zwei alte Menschen ihrem Schicksal", erinnerte sich einer der Söhne bei einem Besuch in Halle. Die Hirschfeld-Söhne überlebten in der Emigration in Schweden, Argentinien, England und Australien. Die jüdischen Eheleute, die ihrer Heimatstadt Halle nicht den Rücken kehrten, wurden 1942 verschleppt, sie ins Ghetto Theresienstadt, er ins Konzentrationslager Sachsenhausen, später nach Auschwitz. Beide starben in der Lager-Hölle.
Niemand würde sich heute in Halle noch an das Ehepaar Hirschfeld und sein Schicksal erinnern, wenn nicht die beiden kleinen Stolpersteine flach in den Bürgersteig vor dem früheren Wohnhaus eingelassen wären. Die Messingplatte mit den schlichten Worten "Hier wohnte René Hirschfeld Jg. 1878 Deportiert Sachsenhausen Ermordet 2.11.1942 Auschwitz" spiegelt sich im Sonnenlicht. Daneben das kleine Mahnmal für seine Frau. Hier, in der Talamtstraße 6, wohnten die Hirschfelds. Heute ist es der Mönchshof, ein Restaurant, das seine Gäste empfängt.
Fußgänger sollen über die Daten stolpern, so Bildhauer Gunter Demnig, der bereits über 3500 Steine in ganz Deutschland verlegte. Stolpern heißt für ihn darauf stoßen. Stoßen auf das traurige Kapitel unserer Geschichte, in dem es möglich war, dass Menschen aus ihren Häusern verschwanden, nie mehr auftauchten und sich die Nachbarn nicht fragten, was denn mit den Familien von nebenan geschah.
Die Steine mit der Messingplatte und der eingestanzten Inschrift berühren. "Nur am ganz konkreten menschlichen Schicksal kann man sich dieses unermessliche Leid vorstellen", sagt Heidi Bohley vom Verein Zeit-Geschichte(n), der vom Stadtrat Halle mit der Umsetzung des Projektes betraut wurde. Eine Erinnerungskultur, so sagt sie, müsse ins Detail gehen.
Im Mai wurden die ersten 13 Stolpersteine in der Hallenser Innenstadt in den Bürgersteig eingelassen. Nur wenige Stunden später, der Beton war noch nicht trocken, fehlten acht. Mutwillig herausgerissen. Gestohlen. Von den Tätern keine Spur. Die Polizei geht von einem politischen Hintergrund aus. Der Staatsschutz ermittelt.
Heidi Bohley, immer noch empört, hatte damit nicht gerechnet, gibt sie zu. Bauchschmerzen, die bei Entscheidungsträgern in anderen Städten aufkamen, hatte sie nie.
Halle hatte im vergangenen Jahr sein Ja gegeben. Anders als Leipzig und München, wo das Projekt abgelehnt wurde. Dort fürchtete man vorab solche Angriffe.
Das Projekt in der Saalestadt beenden? "Keinesfalls", sagt Heidi Bohley voller Überzeugung. "Jetzt erst recht." Auch andere Hallenser teilten diese Ansicht, verlegten spontan Metallplatten mit der Aufschrift: "Hier lagen zwei Stolpersteine. Sie kommen wieder."
Kein leeres Versprechen. Die Stolpersteine, ausschließlich finanziert von Privatpersonen und durch Initiativen, kommen. Der Verein hat dank der Spendenbereitschaft (95 Euro für Planung, Fertigung und Verlegung) das Geld zusammen für 50 neue Stolpersteine. Sie werden im Oktober verlegt.
Auch Heidi Bohley übernahm die Patenschaft für einen Stolperstein. Zum Gedenken an Fanny Aronsohn. Sie hatte mit ihrem Sohn Oskar in jener Wohnung gelebt, in der viele Jahre später Heidi Bohley zu Hause war. Beide überlebten den Holocaust nicht. Auch an Oskar wird ein Stein als kleines Mahnmal erinnern.
Wenn ab Oktober vor dem Haus der Fanny Aronsohn zwei Stolpersteine liegen, sollen viele Menschen über die Messingplatten laufen. "Sie werden dann blank", sagt Heidi Bohley. Spuren gegen das Vergessen. Steine, die die Erinnerung wach halten.


 

Mitteldeutsche Zeitung Halle, 22.07.2004

Erinnerung an NS-Opfer
Halle bekommt 50 «Stolpersteine»
Spendenaktion nach Zwischenfall im Mai

Halle/MZ/sre.   Zur Erinnerung an die Opfer des Nationalsozialismus sollen in Halle bis Oktober dieses Jahres 50 "Stolpersteine" vor den Häusern verlegt werden, in denen Menschen gewohnt haben, die von den Nazis verfolgt und ermordet wurden. Nach Angaben von Heidi Bohley vom Verein Zeitgeschichte(n) ist das Projekt möglich geworden, weil zahlreiche Hallenser in den vergangenen Wochen insgesamt 5000 Euro gespendet hatten. Sie reagierten damit auf die Tat von Unbekannten, die in der Nacht zum 7. Mai acht Gedenksteine für ehemalige jüdische Bewohner aus dem Bürgersteig gerissen hatten.

Das bundesweit ausschließlich über Spenden finanzierte Projekt "Stolpersteine" erzählt auf eindrucksvolle Weise die Geschichten von Juden und anderen Opfern, die in der Zeit des Nationalsozialismus deportiert und in den Konzentrationslagern der Nazis systematisch umgebracht worden waren. Die Daten von halleschen Opfern hatten Mitglieder der Jüdischen Gemeinde und des halleschen Südstadtgymnasiums recherchiert.

Die acht Erinnerungstafeln wurden wenige Stunden, nachdem die ersten dreizehn "Stolpersteine" in Halle verlegt worden waren, herausgerissen. Polizei und Staatsanwaltschaft suchen noch nach den Tätern. "Wir arbeiten mit Hochdruck und werten derzeit alle Spuren aus", so Staatsanwalt Klaus Wiechmann.

Unmittelbar nach Bekanntwerden des Übergriffs, der von Rechtsextremisten auf Internetseiten gelobt wird, hatten zahlreiche Hallenser provisorisch neue Erinnerungstafeln angebracht.


 

Mitteldeutsche Zeitung Halle, 10.05.2004

Bürger unterstützen Aktion
Ersatz-Tafeln verlegt - Rosen und Kerzen am Boulevard - Große Spendenbereitschaft
von Heidi Pohle

Halle/MZ. Die Zerstörung von acht frisch verlegten Gedenksteinen für jüdische Opfer nationalsozialistischer Deportationen (die MZ berichtete) hat in Halle tiefe Betroffenheit und Empörung ausgelöst. Gleichzeitig bekundeten viele Bürger ihre Bereitschaft, die bundesweite Erinnerungs-Aktion "Stolpersteine" des Kölner Künstlers Gunter Demnig zu unterstützen. Das zeigen Briefe, Anrufe und E-Mails. Die "Stolpersteine" waren wenige Stunden, nach dem man sie Donnerstag in der Leipziger Straße und in der Großen Ulrichstraße in die Gehwege vor einstigen Wohnhäusern jüdischer Bürger eingelassen hatte, herausgerissen worden. Die Ermittlungen laufen.

Gisela und Dietrich Nedtwig aus Hildesheim schreiben, dass alle, die in der Stadt Verantwortung tragen, aber auch jeder Bürger "aus der Sprachlosigkeit die Sprache wiederfinden" müssen. Beide waren nach Halle gekommen, um mitzuerleben, wie die ersten Gedenksteine verlegt werden. "Wir sind erschüttert über die Tat", so Gisela Nedtwig, die bis 1955 in Halle lebte und Geld für die Aktion spendete.

Für Max Privorozki, Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde zu Halle, ist die Idee des Gedenkens und Versöhnens besudelt. Und der SPD-Stadtvorstand Halle will auf dem jährlichen Hoffest am Freitag für die Aktion sammeln. Außerdem werden die Bundestagsabgeordnete Christel Riemann-Hanewinckel, Oberbürgermeisterin Ingrid Häußler und der Vorsitzende der SPD-Stadtratsfraktion, Gottfried Koehn, Patenschaften für "Stolpersteine" übernehmen.

Häußler rief die Hallenser dazu auf, ebenfalls zu spenden. Auch die Wählergemeinschaft "Wir. Für Halle" wird die Gedenkstein-Aktion finanziell unterstützen. Und Hal-Stadtrat Peter Jeschke (Neues Forum) schreibt: "Wer auch immer die Steine herausgerissen hat - das anständige Halle wird sich nicht beirren lassen."

Philine und Helmut Kleine aus Halle hatte die Nachricht von den zerstörten Steinen keine Ruhe gelassen. Mit dem Zeit-Geschichte(n)-Verein organisierten der Elektro-Ingenieur und die Geigenlehrerin am Samstag spontan Ersatz. Helmut Kleine schweißte die Gedenk-Platten aus Stahlresten zusammen. Mit Hilfe eines Schmiedes, der einen Satz Schlagbuchstaben organisierte, wurden die Tafeln beschriftet. Hallenser brachten Rosen und Kerzen zu der Stelle am Boulevard, an der die ersten "Stolpersteine" lagen. "Viele Passanten sagten uns, dass sie froh sind über solch eine Gegenreaktion", so Philine Kleine.

Der Staatsschutz ermittelt weiter in dem Fall, da von einem politischen Hintergrund ausgegangen wird. Ergebnisse liegen jedoch noch nicht vor.


Aktion vom 8. Mai 2004:

Hallenser protestieren gegen die Zerstörung der Gedenksteine.
Helmut Kleine verlegt eine selbstgefertigte Metallplatte:


HIER LAGEN 4 STOLPERSTEINE ... SIE KOMMEN WIEDER
lautet die Inschrift der provisorischen Gedenkplatte zur Erinnerung an jüdische Bürger. Sie liegt vor dem Haus Leipziger Straße 4.



Mitteldeutsche Zeitung Halle, 07.05.2004

Erinnerungszeichen an jüdische Mitbürger zerstört
Kerzen für die «Stolpersteine»
Unbekannte reißen Gedenktafeln heraus - Organisatoren schockiert - Polizei ermittelt
von Heidi Pohle


Mitglieder des Vereins Zeit-Geschichte(n) und der Künstler Gunter Demnig zündeten vor der Leipziger Straße 4 am Freitag Kerzen an. Dort waren Donnerstag "Stolpersteine" in den Boden eingelassen worden zum Gedenken an eine jüdische Familie. Stunden später wurden die Steine herausgerissen.
(MZ-Foto: Bettina Wiederhold)

Halle/MZ.   "Die Nachricht hat uns wie ein Schock getroffen, wir sind wütend, traurig, fassungslos", sagte Heidi Bohley vom Verein Zeit-Geschichte(n) über die Zerstörung der "Stolpersteine" auf der Leipziger Straße und in der Großen Ulrichstraße. Wenige Stunden nachdem die insgesamt acht Steine am Donnerstagnachmittag dort verlegt worden waren (die MZ berichtete), sind sie von bisher Unbekannten in der Nacht zum Freitag herausgerissen und gestohlen worden. Die Polizei schließt einen politischen Hintergrund nicht aus.

Die Steine sollten unter anderem an das Schicksal der jüdischen Familie Winzymer erinnern, die bis zur Deportation im Jahr 1938 mit drei Kindern in der Leipziger Straße 4 lebte. Der Verein Zeit-Geschichte(n) betreut das Projekt "Stolpersteine", das 1992 von dem Kölner Künstler Gunter Demnig initiiert wurde. Seitdem wurden rund 3 500 Gedenksteine in ganz Deutschland verlegt - auch die in der Leipziger Straße. Halle ist die 38. Stadt, die sich an dem Projekt beteiligt.

Nun stehen an den Stellen der entwendeten "Stolpersteine" Kerzen. "Wir wollen damit ein Bekenntnis zu der Aktion abgeben und rufen alle Hallenser auf, morgen und an den nächsten Tagen ebenfalls Kerzen aufzustellen", so Heidi Bohley. "Wir lassen uns nicht einschüchtern", fügte sie hinzu. Deshalb sei die Aktion "Stolpersteine" am Freitag auch wie geplant fortgesetzt worden: "Wir haben neun weitere Steine vor Wohnhäusern ehemaliger jüdischer Bürger in die Gehwege eingelassen, beispielsweise in der Großen Ulrichstraße."

 Der Bildhauer Gunter Demnig, der die Steine in Halle selbst verlegt hatte und am Freitagabend im nt einen Vortrag über sein Projekt hielt, glaubt: "Das war eine geplante Aktion." So etwas sei in keiner anderen Stadt passiert. "Ich bin sehr traurig und hoffe nur, dass die Täter gefasst werden." Auf alle Fälle wolle er die fehlenden Steine ersetzen - voraussichtlich bis Oktober.

Hallenser, die von der Erinnerungs-Aktion in der MZ gelesen hatten und sie sich am Freitag anschauen wollten, riefen in der Redaktion voller Empörung an, darunter Constance Fege, die am Boulevard arbeitet. "Gleich am Morgen bin ich vorbei gegangen und habe nur noch ein großes Loch gesehen", sagte sie. Solch eine Tat sei entsetzlich. Oberbürgermeisterin Ingrid Häußler (SPD) kündigte an, die "Stolpersteine" künftig besser abzusichern. Sie sei, wie sie sagte, tief betroffen: "Es ist mir völlig unverständlich, wie man so etwas tun kann."



Mitteldeutsche Zeitung Halle, 06.05.2004

Erinnerung an Schicksal jüdischer Mitbürger - Steine sind im Boden eingelassen
von Heidi Pohle

Flach in den Boden eingelassen, sollen die "Stolpersteine" an jüdische Familien aus Halle erinnern, die in der Nazizeit verfolgt und deportiert wurden. Am Donnerstag wurden die ersten Steine, die an der Oberfläche Messingtafeln tragen, verlegt. Weitere sollen folgen.
(MZ-Foto: Lutz Winkler)

Halle/MZ.   In der Leipziger Straße 4, unmittelbar am Marktplatz, lebte bis 1938 die jüdische Familie Winzymer. Boykott-Aufrufe gegen jüdische Geschäfte entzogen der Kaufmanns-Familie die Lebensgrundlage. Während Vater Salomon, geboren 1893 in Polen, nach Argentinien emigrierte, um dort die Ausreise seiner Familie vorzubereiten, wurde seine Frau Sofia mit ihren Kindern Rosa, Helena und Siegfried in der Nacht vom 27. zum 28. Oktober 1938 von der Polizei abgeholt und nach Polen gebracht. Ab 1940 gibt es keine Nachrichten mehr von ihnen.

 An das Schicksal dieser jüdischen Familie im Nationalsozialismus ist am Donnerstag mit Gedenksteinen erinnert worden. "Stolpersteine" nennt sie der Kölner Künstler Gunter Demnig. Er verlegte vier aus Beton gegossene Steine, die an der Oberseite Messingtafeln tragen, für Sofia Wenzymer und ihre Kinder vor deren einstigem Wohnhaus. Heute befinden sich dort ein Reisebüro und eine Weinhandlung. Noch während er arbeitete, wurde er von Passanten umringt; viele blieben auch während der kurzen Gedenkstunde stehen. Oberbürgermeisterin Ingrid Häußler (SPD) nannte die Steine "einen beeindruckenden, konkreten Beitrag der Erinnerung".

Rund 3 500 Steine hat der 56-jährige Demnig seit 1992 in Deutschland verlegt, Halle ist die 38. Stadt, die sich seinem Projekt angeschlossen und den Verein Zeit-Geschichte(n) mit der Leitung beauftragt hat. Während der zweitägigen Aktion werden vor sieben halleschen Gebäuden 13 Steine flach in die Bürgersteige eingesetzt - vor den Häusern der Großen Ulrichstraße 2 (heute Kaufhaus Müller), der Nummer 27 (Kino Zazie) und der Nummer 58 (Frische-Markt) sowie vor der Halberstädter Straße 13, Mittelstraße 11-13 und der Talamtstraße 6 (Mönchshof). Stolpern kann man über sie nicht tatsächlich; Aufmerksamkeit erregen sie trotzdem. Genau das hat der Bildhauer beabsichtigt - der Deportierten soll an ihren Wohnorten gedacht werden. Demnig hält am Freitag um 20 Uhr im Lesesaal des nt einen Vortrag über sein Projekt.

Am Freitag werden die nächsten Steine verlegt, rund 120 könnten es werden, wenn genügend Spenden gesammelt oder Patenschaften übernommen werden. Der Verein ist über Tel. 0345 / 20 36 040 erreichbar.