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Kleine Klausstraße 3 (damals Nr. 7)

Hier wohnten Lena Lichtenstein, Henny Wachter geb. Lichtenstein und Gertrud Lichtenstein

Im Erdgeschoss des Hauses Sternstr.1 befand sich bis 1935 ein Damen-Hutmacher-Geschäft. Es gehörte Jacob und Lena Lichtenstein. Auch drei ihrer vier Kinder schlugen die Kaufmannslaufbahn ein:
Heinrich hatte eine Tuchhandlung, Kleine Klausstraße 3 (damals Nr. 7). Gertrud und Siegfried betrieben gemeinsam eine Tuch- und Pelzwarenhandlung, Große Nikolaistraße 6. Nach dem Tod von Jacob Lichtenstein im Jahr 1933 setzte Lena Lichtenstein den Geschäftsbetrieb allein fort. Ihre älteste Tochter Henny führte den Haushalt. Das alles änderte sich 1936. Die Boykotthetze der Nationalsozialisten und drohende Enteignungen jüdischen Besitzes trieben die Söhne außer Landes. 1936 setzten sich Siegfried und Heinrich nach Prag ab. Siegfried flüchtete 1938 weiter nach Paris, Heinrich 1939 nach England.

Die Frauen blieben allein in Halle zurück. Lena Lichtenstein gab die Geschäftsräume in der Sternstraße auf, verlegte ihr Hutgeschäft in Gertruds Laden Große Nikolaistraße 6 und zog mit Tochter Henny in die nun leer stehende Wohnung ihres Sohnes Heinrich, Kleine Klausstraße 7 (heute Nr. 3). Inzwischen 71jährig, verzichtete Lena Lichtenstein auf die Arbeit im Geschäft und Gertrud führte das Unternehmen allein weiter, bis sie 1938 auch dieses Geschäft schließen musste. Sie zog zu Mutter und Schwester in die Kleine Klausstraße 7 (heute Nr. 3). Die drei Frauen suchten nach einer Fluchtmöglichkeit.

Wann es Gertrud gelang, Deutschland zu verlassen ist nicht bekannt. In einer Aufstellung der Jüdischen Gemeinde über die Auswanderung ihrer Mitglieder findet sich nur der Eintrag, dass Lena und Henny Lichtenstein im Mai/Juni 1939 nach Belgien emigrierten. Lena muss zu diesem Zeitpunkt schon sehr krank gewesen sein. In den Unterlagen findet sich ein Hinweis, sie habe 1939 noch in Halle einen "Nervenschlag" erlitten. Zum weiteren Schicksal der 74-Jährigen gibt es keine Hinweise. Vielleicht ist sie in Belgien gestorben.
Die Schwestern lebten die nächsten vier Jahre in Belgien. Henny heiratete den Kaufmann Abraham Wachter. Mit ihm und ihrer Schwester Gertrud wurde Henny am 19.April 1943 vom belgischen Deportationslager Mechelen nach Auschwitz in den Tod geschickt.

 

Nr. 1577 Wachter, Abraham
Nr. 1578 Wachter-Lichtenstein, Henny
Nr. 1579 Lichtenstein, Gertrud


geb. 01.11.1883 in Rotzmatow
geb. 05.07.1899 in Halle / Saale
geb. 04.05.1903 in Halle / Saale
Kaufmann
Hausfrau
Geschäftsfrau
Dieser 20.Deportationszug wurde von jungen belgischen Widerständlern überfallen.
Etwa 17 Juden konnten fliehen. Die Lichtensteins waren nicht dabei.
Einzelheiten dieser Befreiungsaktion schildert das Buch "Stille Rebellen - der Überfall auf den 20.Deportationszug nach Auschwitz" von Marion Schreiber, Aufbau-Taschenbuchverlag, Berlin 2002.

Quellen:

Privatarchiv Gudrun Goeseke

Marion Schreiber: Stille Rebellen – der Überfall auf den 20. Deportationszug nach Auschwitz. Berlin 2002.