| zurück zur Übersicht |  
 
 




Brüderstraße 10

Sternstr.14, ehem.Speisehaus Meyerstein

Hier wohnten Israel (Julius) Meyerstein und Bertha Meyerstein geb. Gutmann

Israel Meyerstein wurde am 27.2.1869 in Gröbzig geboren. Seit dem 18. Jahrhundert hatten sich viele Juden in Gröbzig angesiedelt. Zwischen größeren Städten gelegen, wo Juden zwar nicht wohnen, aber Handel treiben durften, bot sich Gröbzig als geeignete Niederlassung für Kaufleute an. 1753 waren hier bereits 15% der Einwohner Juden (zugewandert aus Böhmen, Polen, Amsterdam und Frankfurt a.M.), während der Prozentsatz in anderen anhaltischen Städten nur 4-6% betrug. Deshalb wurde der Ort auch "Judengröbzig" genannt. Als Mitte des 19.Jahrhunderts den Juden alle Bürgerrechte zuerkannt wurden und damit auch die Wohnbeschränkungen wegfielen, begann in Gröbzig die Abwanderung der Juden in die größeren Städte. Von Gröbzig nach Halle zog auch der Fleischermeister Israel (Julius) Meyerstein. Seine Frau Bertha, geboren am 27.2.1867, stammte aus Thüringen. Sie hatten sechs Kinder - Doris, Gustav, Käthe, Hedwig, Margarethe und Walther. In der Brüderstraße 10 richtete Israel Meyerstein eine koschere Fleischerei ein. Das schien hier erfolgversprechender als in Gröbzig, wo die Anzahl der Juden rapide zurückging, während sie in Halle zunehmend wuchs. Bald konnten die Meyersteins auch in der 1.Etage des Hauses Sternstr.14 (Abb.) ein koscheres Speisehaus eröffnen. In der Nähe der Synagoge gelegen, bot es der Gemeinde die Ausrichtung von Festessen an den Hohen Feiertagen an. Für arme Mitglieder gab es hier auch von der Gemeinde finanzierte Freitische.
Voraussetzung für koschere Fleischwaren ist das Schlachten der Tiere durch Schächten. Als diese Methode von den Nationalsozialisten 1933 per Gesetz verboten wurde, folgte für Israel Meyerstein der wirtschaftliche Ruin. Er musste das Geschäft aufgeben. Den Kindern Gustav, Hedwig, Margarethe und Walter gelang die Flucht nach Palästina. Auch Doris und Käthe konnten der deutschen Verfolgung entkommen. Käthe flüchtete 1939 nach London, Doris 1940 in die USA. Als das Ehepaar Meyerstein wegen der "Rassegesetze" nicht länger mit "Ariern" unter einem Dach wohnen durfte, zogen sie zwangsweise zuerst in ein sogenanntes "Judenhaus", Hindenburg Str.34 (heute Magdeburger Str.7), und ab Juni 1942 in das angebliche "Altersheim" auf dem Grundstück des Jüdischen Friedhofs Dessauer Straße. In Wahrheit pferchte man hier jüdische Hallenser auf engstem Raum bis zu ihrer Deportation zusammen. Am 19.September 1942 wurden Israel und Bertha Meyerstein gemeinsam mit Israels älterer Schwester Rosalie und 70 weiteren jüdischen Hallensern ins Ghetto Theresienstadt deportiert. Nach nur wenigen Wochen im Ghetto starb die 74-jährige Bertha Meyerstein am 30.Oktober 1942. Rosalie starb Anfang 1943. Israel Meyerstein überlebte Frau und Schwester noch für kurze Zeit. Er starb 75-jährig am 8.Januar 1944 in Theresienstadt.

Rosalie Meyerstein war die letzte Jüdin, die Gröbzig am 13.September 1940 verlassen musste. Der Bürgermeister meldete dem Landrat: "Gröbzig ist jetzt judenfrei."

Siehe auch STOLPERSTEIN für Rosalie Meyerstein, Großer Berlin 8.


 

 

 


Quellen:

Privatarchiv Gudrun Goeseke

http://www.gedenkbuch.halle.de
Volkhard Winkelmann und Schülerprojekt "Juden in Halle" des Südstadt-Gymnasiums Halle (Hrsg.)
"Unser Gedenkbuch für die Toten des Holocaust in Halle"
Halle 2004, 2. Auflage, weitere Aktualisierungen eingeschlossen