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Rudolf-Ernst-Weise Straße 20 (ehemals Königstraße 62)

Familie Schloß 1892
Foto:privat

Hier wohnten Dr. Josef Schloß, Marie Klein geb. Schloß, Gretchen Schloß geb. Wiesengrund und Eva Schloß geb. Ambach

Mit Frau und acht Kindern bezog der Viehhändler Moritz Schloß im Jahr 1887 in Halle eine in Bahnhofsnähe gelegene Gründerzeitvilla mit vielen Stallungen und Nebengebäuden. Das Unternehmen importierte und exportierte erfolgreich quer durch Europa und Moritz Schloß galt bald als wohlhabender Mann. Seine Frau Ellen Elise dirigierte den aufwändigen Haushalt. Sie unterhielt zwei Küchen; eine koschere für die Familie und eine nicht-koschere für die zahlreichen Geschäftsfreunde.

D ie acht Kinder
Simon (1866 - 1941), Josef (1867 - 1940),  Hugo (1869 - 1918), Wilhelm (1873 - 1929), Paula (1875 -1972 / England), Marie (1877-1943), Julius (1879 -1918) und Frieda (1883 – 1980 / Chile)
wuchsen in soliden, bürgerlichen Verhältnissen, aber auch mit starker Bindung an jüdische Traditionen und Religion auf. Nach dem Tod des Vaters 1907 führten Simon und Wilhelm das Geschäft weiter.

Simon heiratete Eva Ambach und bewohnte weiter die Familienvilla.
Wilhelm heiratete Gretchen Wiesengrund und zog in das nahe gelegene Haus Maybachstraße 1. Der gemeinsame Sohn Hans ( geb.1902) wurde später ebenfalls Teilhaber der Viehhandlung.
Hugo war von Kindheit an krank und starb 1918.
Julius heiratete Lotte Kirschbaum und bekam 1912 einen Sohn namens Georg. Im 1.Weltkrieg kämpfte er als deutscher Soldat und starb 1918 an den Folgen.
Josef, ebenfalls Kriegsteilnehmer, studierte Medizin und eröffnete eine Kinderarztpraxis Hindenburgstraße 13 (heute Magdeburger Straße 30).
Paula heiratete den Fabrikanten Josef Schlüchterer, zog mit ihm nach Köln und bekam die Töchter Lilli und Elsa.
Marie heiratete den Arzt Dr. Albert Klein und hatte drei Söhne Ernst, Siegfried und Berthold.
Frieda heiratete den Rechtsanwalt Dr. Max Lehmann und bekam Tochter Ruth.
Die Mutter, Ellen Elise Schloß geb. Wormser, starb 1927 im Alter von 86 Jahren.

Nach dem Erlass der judenfeindlichen Gesetze geriet auch die Familie Schloß immer mehr unter Druck. Im Frühjahr 1938 wurde der 36-jährige Hans Schloß (Sohn von Wilhelm und Gretchen Schloß) ins Konzentrationslager Buchenwald gebracht.
Im Herbst 1938 entzog man dem unverheirateten Kinderarzt Dr. Josef Schloss, wie allen übrigen jüdischen  Ärzten, die Approbation. Im April 1939 musste er auch die von seinem Vater geerbte Villa im Rahmen der sogenannten Arisierung abtreten.
Ebenfalls 1939 wanderte Frieda Lehmann geb. Schloß, die jüngste der Schloß-Kinder, mit ihrem Mann nach Chile aus. Sie folgten ihrer Tochter Ruth, die Deutschland bereits 1936 verlassen hatte.

Am 14.Oktober 1940 machte Josef Schloß ein Testament, in dem er einen großen Teil des ihm verbliebenen Vermögens ausdrücklich seinem „nichtjüdischen“ Neffen Georg (Sohn von Julius), einer „nichtjüdischen“ Großnichte und einem „nichtjüdischen“ Großneffen (den Enkeln von Paula und Frieda) vermachte, die nach dem Rassenwahn der Nationalsozialisten als „Halbjuden“ galten. Eine besonders enge Verbindung hatte Josef Schloß zu Paulas Tochter Lilli Jahn, einer Ärztin, die auch ein paar Semester in Halle studiert hatte und zeitweilig sogar plante, die Praxis ihres Lieblingsonkels in Halle zu übernehmen. Sie starb 1944 in Auschwitz.

Als sich der 73-jährige Josef Schloß im November 1940 das Leben nahm, war seine Schwester Marie bei ihm und begleitete ihn durch die letzten Stunden. Marie Klein wohnte wieder in der Villa. Ihr Mann war verstorben, 1936 hatte sie ihren erst 25-jährigen Sohn Ernst verloren und auch ihr Sohn Berthold war als Jugendlicher in der Saale ertrunken.
Gretchen Schloß, deren Mann Wilhelm 1929 verstorben war, hatte in Durchsetzung der „Rassengesetze“ ihre Wohnung Maybachstraße 1 verlassen müssen und wohnte jetzt in der Villa. Ihrem Sohn Hans war es nach der Entlassung aus dem KZ Buchenwald gelungen, in die Niederlande zu flüchten.
1941 starb Simon Schloß im Alter von 75 Jahren. Und so bewohnten jetzt, als letzte der Schloß-Familie, die Frauen Eva, Gretchen und Marie die Villa.
Aber nicht sie allein. In den letzten Jahren hatten sie Freunde und Bekannte aufgenommen, die zur Aufgabe ihrer rechtmäßigen Wohnungen gezwungen worden waren. So wohnten zeitweilig hier auch der Bankier Alfred Katz vom Januar 1939 bis August mit der Familie seiner Tochter [→ Hansering 2] und nach deren Ausreise noch bis Mai 1941 in der Villa, sowie Fanny Aronsohn [→ Lafontainestraße 5], Nathan und Minna Frankenberg [→ Feuerbachstraße 74], Hermann und Selma Hellermann [→ Rudolf-Ernst-Weise-Str.14], die Familie Oppenheim [→ Magdeburger Straße 28], das Ehepaar Charlotte und Theodor Weiß [→ Puschkinstraße 30], Otto und Frieda Pollak und die Hausangestellte Rosa Salomon [→ Ludwig-Wucherer-Straße 28]

Pläne der Gestapo, die Familienvilla zu einem „Judenhaus“ zu erklären, kamen laut eines Schreibens vom 1.September 1939 nicht zustande, weil der Gestapo die Kapazität bereits existierender „Judenhäuser“ ausreichend erschien.

Am 18. April 1942 starb Hermann Hellermann.

Am 1.Juni 1942 wurden Fanny Aronsohn, Rosa Salomon, das Ehepaar Weiß und die Oppenheims nach Sobibor bei Lublin deportiert und dort am 3.Juni 1942 mit Gas ermordet.

Am 26.Juni 1942 mussten Gretchen Schloß, Eva Schloß, Marie Klein, Nathan Frankenberg, Minna Frankenberg und Selma Hellermann die Villa verlassen und in das angebliche „Altersheim“ auf dem Grundstück des Jüdischen Friedhofs Dessauer Straße ziehen, von wo sie am 19.September 1942 nach Theresienstadt deportiert wurden.

Gretchen Schloß  starb 66-jährig am 25.Januar 1943  in Theresienstadt. Ihr Sohn Hans überlebte.

Ihre Schwester wurde in Treblinka ermordet. Ihr Bruder und sein Sohn überlebten Treblinka.

Eva Schloß wurde 67-jährig am 15.Dezember 1943 nach Auschwitz deportiert. Genaue Todesart und Todesdatum sind unbekannt.

Marie Klein starb 66-jährig am 31.Mai 1944 in Theresienstadt. Ihr Sohn Siegfried starb 1944 in Amsterdam.


 

 

Gretchen Schloß
Foto:privat
 

Dr. Josef Schloß um 1920
Foto: privat
 

Marie Klein, geb. Schloß
Foto:privat
 
   

Quellen:

http://www.gedenkbuch.halle.de
Volkhard Winkelmann und Schülerprojekt "Juden in Halle" des Südstadt-Gymnasiums Halle (Hrsg.)
"Unser Gedenkbuch für die Toten des Holocaust in Halle"
Halle 2004, 2. Auflage, weitere Aktualisierungen eingeschlossen


Martin Doerry
„Mein verwundetes Herz“
Das Leben der Lilli Jahn 1900-1944
München: DTV, 2004

 

 

   
 


Rudolf-Ernst-Weise Straße 2 (ehemals Königstraße 62)

Familie Schloß 1892
Quelle: Ilse Doerry

Hier wohnten Dr. Josef Schloß, Marie Klein geb. Schloß, Gretchen Schloß geb. Wiesengrund und Eva Schloß geb. Ambach

Mit Frau und acht Kindern bezog der Viehhändler Moritz Schloß im Jahr 1887 in Halle eine in Bahnhofsnähe gelegene Gründerzeitvilla mit vielen Stallungen und Nebengebäuden. Das Unternehmen importierte und exportierte erfolgreich quer durch Europa und Moritz Schloß galt bald als wohlhabender Mann. Seine Frau Ellen Elise dirigierte den aufwändigen Haushalt. Sie unterhielt zwei Küchen; eine koschere für die Familie und eine nicht-koschere für die zahlreichen Geschäftsfreunde.

Die acht Kinder
Simon (1866 - 1941), Josef (1867 - 1940), Hugo (1869 - 1918), Wilhelm (1873 - 1929), Paula (1875 -1972 / England), Marie (1877-1943), Julius (1879 -1918) und Frieda (1883 – 1980 / Chile)
wuchsen in soliden, bürgerlichen Verhältnissen, aber auch mit starker Bindung an jüdische Traditionen und Religion auf. Nach dem Tod des Vaters 1907 führten Simon und Wilhelm das Geschäft weiter.

Simon heiratete Eva Ambach und bewohnte weiter die Familienvilla.
Wilhelm heiratete Gretchen Wiesengrund und zog in das nahe gelegene Haus Maybachstraße 1. Der gemeinsame Sohn Hans ( geb.1902) wurde später ebenfalls Teilhaber der Viehhandlung.
Hugo war von Kindheit an krank und starb 1918.
Julius heiratete Lotte Kirschbaum und bekam 1912 einen Sohn namens Georg. Im 1.Weltkrieg kämpfte er als deutscher Soldat und starb 1918 an den Folgen.
Josef, ebenfalls Kriegsteilnehmer, studierte Medizin und eröffnete eine Kinderarztpraxis Hindenburgstraße 13 (heute Magdeburger Straße 30).
Paula heiratete den Fabrikanten Josef Schlüchterer, zog mit ihm nach Köln und bekam die Töchter Lilli und Elsa.
Marie heiratete den Arzt Dr. Albert Klein und hatte drei Söhne Ernst, Siegfried und Berthold.
Frieda heiratete den Rechtsanwalt Dr. Max Lehmann und bekam Tochter Ruth.
Die Mutter, Ellen Elise Schloß geb. Wormser, starb 1927 im Alter von 86 Jahren.

Nach dem Erlass der judenfeindlichen Gesetze geriet auch die Familie Schloß immer mehr unter Druck. Im Frühjahr 1938 wurde der 36-jährige Hans Schloß (Sohn von Wilhelm und Gretchen Schloß) ins Konzentrationslager Buchenwald gebracht.
Im Herbst 1938 entzog man dem unverheirateten Kinderarzt Dr. Josef Schloss, wie allen übrigen jüdischen Ärzten, die Approbation. Am 10.Jnuar 1939 Im April 1939 musste er auch die von seinem Vater geerbte Villa im Rahmen der sogenannten Arisierung abtreten.
Ebenfalls 1939 wanderte Frieda Lehmann geb. Schloß, die jüngste der Schloß-Kinder, mit ihrem Mann nach Chile aus. Sie folgten ihrer Tochter Ruth, die Deutschland bereits 1936 verlassen hatte.

Am 14.Oktober 1940 machte Josef Schloß ein Testament, in dem er einen großen Teil des ihm verbliebenen Vermögens ausdrücklich seinem „nichtjüdischen“ Neffen Georg (Sohn von Julius), einer „nichtjüdischen“ Großnichte und einem „nichtjüdischen“ Großneffen (den Enkeln von Paula und Frieda) vermachte, die nach dem Rassenwahn der Nationalsozialisten als „Halbjuden“ galten. Eine besonders enge Verbindung hatte Josef Schloß zu Paulas Tochter Lilli Jahn, einer Ärztin, die auch ein paar Semester in Halle studiert hatte und zeitweilig sogar plante, die Praxis ihres Lieblingsonkels in Halle zu übernehmen. Sie starb 1944 in Auschwitz.

Als sich der 73-jährige Josef Schloß im November 1940 das Leben nahm, war seine Schwester Marie bei ihm und begleitete ihn durch die letzten Stunden. Marie Klein wohnte wieder in der Villa. Ihr Mann war verstorben, 1936 hatte sie ihren erst 25-jährigen Sohn Ernst verloren und auch ihr Sohn Berthold war als Jugendlicher in der Saale ertrunken.
Gretchen Schloß, deren Mann Wilhelm 1929 verstorben war, hatte in Durchsetzung der „Rassengesetze“ ihre Wohnung Maybachstraße 1 verlassen müssen und wohnte jetzt in der Villa. Ihrem Sohn Hans war es nach der Entlassung aus dem KZ Buchenwald gelungen, in die Niederlande zu flüchten.
1941 starb Simon Schloß im Alter von 75 Jahren. Und so bewohnten jetzt, als letzte der Schloß-Familie, die Frauen Eva, Gretchen und Marie die Villa. Aber nicht sie allein. In den letzten Jahren hatten sie Freunde und Bekannte aufgenommen, die zur Aufgabe ihrer rechtmäßigen Wohnungen gezwungen worden waren. So wohnte etwa der Bankier Alfred Katz vom Januar 1939 bis August mit der Familie seiner Tochter [→ Hansering 2] und nach deren Ausreise noch bis Mai 1941 in der Villa, sowie das Ehepaar Charlotte und Theodor Weiß [→ Puschkinstraße 30] und die Familie Oppenheim [→ Magdeburger Straße 28].

Pläne der Gestapo, die Familienvilla zu einem „Judenhaus“ zu erklären, kamen laut eines Schreibens vom 1.September 1939 nicht zustande, weil der Gestapo die Kapazität bereits existierender „Judenhäuser“ ausreichend erschien.

Am 1.Juni 1942 wurden das Ehepaar Weiß und die Oppenheims nach Sobibor bei Lublin deportiert und dort am 3.Juni 1942 mit Gas ermordet.

Am 26.Juni 1942 mussten auch die drei Schloß-Frauen die Villa verlassen und in das angebliche „Altersheim“ auf dem Grundstück des Jüdischen Friedhofs Dessauer Straße ziehen, von wo sie am 19.September 1942 nach Theresienstadt deportiert wurden.

Am 25.Januar 1943 starb Gretchen Schloß 66-jährig in Theresienstadt. Ihr Sohn Hans überlebte.
Ihre Schwester wurde in Treblinka ermordet. Ihr Bruder und sein Sohn überlebten Treblinka.

Am 15.Dezember 1943 wurde die 67-jährige Eva Schloß nach Auschwitz deportiert.

Am 31.Mai 1944 starb Marie Klein 66-jährig in Theresienstadt. Ihr Sohn Siegfried starb 1944 in Amsterdam.


 

 

Gretchen Schloß
Quelle: Ilse Doerry
 
   

Quellen:

http://www.gedenkbuch.halle.de
Volkhard Winkelmann und Schülerprojekt "Juden in Halle" des Südstadt-Gymnasiums Halle (Hrsg.)
"Unser Gedenkbuch für die Toten des Holocaust in Halle"
Halle 2004, 2. Auflage, weitere Aktualisierungen eingeschlossen


Martin Doerry
„Mein verwundetes Herz“
Das Leben der Lilli Jahn 1900-1944
München: DTV, 2004