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Große Märkerstraße 13

Ludwig Heymann
Foto: Gedenkbuch

Gutta und Awram Librach, 1931
Foto: Gedenkbuch

Hanna Lipper
Foto: Gedenkbuch

Leo Lipper
Foto: Gedenkbuch

Heinrich Lipper mit seiner Schwester Gerda ca. 1927
Foto: Gedenkbuch
In diesem Haus wohnten Anna Heymann geb. Lerner, Ludwig Heymann, Brigitte Klawanski, Hanna Lipper geb. Gänger, Heinrich Lipper, Leo Lipper, Awram Librach, Gutta Librach geb. Epstein und Heinz Riesel.

Brigitte Klawanski war fünf Jahre alt, als sie am 3. Juni 1942 im Vernichtungslager Sobibor ermordet wurde. In ihrem kurzen Leben gab es nie einen Ort, der ihr ein sicheres Zuhause bieten konnte. Ihre Mutter Sonja Klawanski war selbst schon eine Verfolgte, als sie 21jährig ihrer Tochter das Leben schenkte. Der jüdische Großvater Simon Klawanski, 1894 in Wilna geboren, galt als "staatenlos".

Die Großmutter war bei der Geburt ihres dritten Kindes gestorben.

1939 erfuhr Simon Klawanski, dass seine Aufenthaltsgenehmigung für Deutschland nicht länger gültig sei. Es gelang ihm, Ausreisepapiere für sich, seine Tochter Sonja und ihre zwei jüngeren Geschwister zu besorgen. Allerdings nur nach dem als sehr unsicher geltenden Shanghai. Wahrscheinlich hoffte die Mutter, Leben und Gesundheit der Tochter zu schützen, als sie die Zweijährige nicht mit auf die gefährliche Reise nahm, sondern der Obhut eines Jüdischen Kinderheims anvertraute. Als 1942 jüdische Kinderheime aufgelöst und die Kinder in Vernichtungslager deportiert wurden, hatte Brigitte noch ein bisschen Glück. Sie wurde von der Jüdischen Gemeinde Halle aufgenommen und Anna Heymann übernahm die Pflegschaft. Aber auch hier blieb ihr nur wenig Lebenszeit. Auf Anordnung der Gestapo musste Anna Heymann das Pflegekind mit sich nehmen, als man sie, gemeinsam mit weiteren 153 Juden, von Halle nach Sobibor brachte. Dort wurden alle 155 Menschen noch am Ankunftstag, dem 3. Juni 1942, mit Gas ermordet.

Anna Heymann geb. Lerner wurde 1896 in Berlin geboren und erlernte den Beruf einer Krankenschwester. 1937 heiratete sie den Lehrer und Kantor Ludwig Heymann, der sich im April 1942 das Leben nahm. Die 46Jährige wurde, gemeinsam mit ihrer Pflegetochter Brigitte Klawanski und 153 weiteren Juden, am 1. Juni 1942 nach Sobibor bei Lublin deportiert und dort am 3. Juni 1942 mit Gas ermordet. Ihr Vater Chaim Simon Lerner starb 1943 in Theresienstadt.

Ludwig Heymann arbeitete seit 1914 als Lehrer und Kantor bei der Jüdischen Gemeinde in Halle. Seine erste Frau Bertha starb 1936. Ihr Grab befindet sich auf dem Jüdischen Friedhof, Dessauer Straße. Ihren vier Kindern gelang die Flucht von Deutschland nach England, Brasilien und Israel.

Dort wurden auch die sieben Enkel und drei Urenkel geboren.

Ludwig Heymann heiratete 1937 in zweiter Ehe die Krankenschwester Anna Lerner. Es war vermutlich das Wissen um den Deportationsbescheid für sich, seine Frau und die Pflegetochter, das Ludwig Heymann in den Selbstmord trieb. Er starb 66jährig am 30. April 1942. Wie und wo er beerdigt wurde ist nicht bekannt. Seine Frau und das Pflegekind wurden einen Monat später in Sobibor ermordet.

Awram Librach zog 1916 mit seiner Frau Gutta Librach geb. Epstein nach Halle. Bis 1919 war er Arbeiter in der Saline, später machte er sich als Händler selbständig. Aus Polen zugezogene Juden ohne deutsche Staatsbürgerschaft wurden noch vor der November-Pogromnacht in einer Vertreibungsaktion aus Deutschland abgeschoben. In der Nacht vom 27./28.Oktober 1938 wurde das Ehepaar Librach gemeinsam mit mindestens 120 weiteren Juden ins deutsch-polnische Grenzgebiet gebracht und über den Grenzstreifen nach Polen getrieben. Sie nahmen in ihrem Geburtsort Lodz Zuflucht. Nach Einmarsch der Deutschen Wehrmacht internierte man sie im Ghetto von Lodz, wo Awram Librach 1941 zu Tode kam. Seine Frau Gutta starb am 21. September 1942 im Vernichtungslager Chelmno (Kulmhof). Beide wurden nur 50 Jahre alt.

Ihre in Halle geborenen Kinder Sophie und Felix gelangten über Vermittlung einer jüdischen   Hilfsorganisation noch rechtzeitig nach Palästina in einen Kibbuz. Das rettete ihnen das Leben. Über das Schicksal des ältesten Sohnes existieren widersprüchliche Angaben. Er war wegen seiner schweren Zuckerkrankheit für die Übersiedlung nach Palästina abgelehnt worden, hat die Reise dann aber möglicherweise selbst organisiert. Bekannt ist nur, dass er in Palästina an den Folgen seiner Krankheit starb.

Leo Lipper (* 1891in Bohorodczany / Polen) und seine Frau Hanna Lipper geb. Gänger (* 1893 in Leipzig) führten gemeinsam einen Textilwarenhandel mit mehreren Geschäften in Halle. Sie hatten neben den zwei eigenen Kindern auch Heinz Riesel, den Sohn von Frau Lippers verstorbener Schwester, in ihrer Obhut. 1937 versuchte Leo Lipper vergeblich für die Familie die Ausreise nach Argentinien zu organisieren, wo schon ein Bruder von Frau Lipper lebte. In der Nacht vom 27./28. Oktober 1938 wurde das Ehepaar gemeinsam mit den Kindern Heinrich und Heinz und mindestens 120 weiteren Juden von Halle ins deutsch-polnische Grenzgebiet gebracht und über den Grenzstreifen nach Polen getrieben. Sie fanden vorerst in Kolomea (Galizien) eine Bleibe. Nach dem Überfall der Sowjetunion auf Polen lebten sie unter russischer Herrschaft.

Nach dem Einmarsch der deutschen Wehrmacht wurde die Familie 1941 erschossen.

Leo Lipper war 50, seine Frau 48 Jahre alt.

Die damals 18jährige Tochter Gerda (Gila) war am 27./28.Oktober 1938 nicht in Halle und entging so der Vertreibung. Es gelang ihr mit Hilfe jüdischer Hilfsorganisationen über England nach Palästina auszureisen. Sie lebt heute in Israel.

Heinrich Lipper hatte sich in Halle einer Jugendgruppe angeschlossen, die sich auf die Auswanderung nach Palästina vorbereitete. Die Vertreibungsaktion vom 27./28.Oktober 1938 setzte diesen Plänen ein Ende. Leib Herschkowicz berichtet darüber in einem Brief: "auch Heini Lipper war dabei, so wie er von der Arbeit gekommen ist in die Langstiefel ... so dreckig wie er war musste er ohne sich von der Arbeit zu Waschen gleich mit antreten...".

Heinrich Lipper wurde 1941 in Kolomea erschossen. Er war 20 Jahre alt.

Heinz Riesel lebte bei Familie Lipper. Er war, wie seine Schwestern Ette (Senta) und Frieda, nach dem Tod ihrer Eltern bei den drei Schwestern seiner Mutter in Halle aufgenommen worden. Den Versuchen Leo Lippers, für den Jungen die Ausreise über eine jüdische Hilfsorganisation zu erreichen, setzte die Vertreibungsaktion vom 27./28.Oktober 1938 ein Ende. Zusammen mit seiner Schwester Senta und Familie Lipper wurde er 1941 in Kolomea (Galizien) erschossen. Er war 15 Jahre alt.

Der Gedenkstein für seine Schwester Ette (Senta) befindet sich vor dem Hauseingang Geiststr.15


 


Quellen:

Privatarchiv Gudrun Goeseke

http://www.gedenkbuch.halle.de
Volkhard Winkelmann und Schülerprojekt "Juden in Halle" des Südstadt-Gymnasiums Halle (Hrsg.)
"Unser Gedenkbuch für die Toten des Holocaust in Halle"
Halle 2004, 2. Auflage, weitere Aktualisierungen eingeschlossen