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Brüderstraße 17




Hier wohnten

Max Holländer
Elvira Holländer geb. Troplowitz

Max Holländer wurde am 24. Juni 1880 in Meiningen geboren. Der Sohn eines
vermögenden Viehhändlers arbeitete bis 1904 als Apotheker in Meiningen,
Markt 18. Danach zog er nach Halle und eröffnete 1906 die Drogen -und
Photohandlung "Hohenzollern-Drogerie", Alter Markt 4. Ab 1911 wohnte er in der
Rannischen Straße 20/21. Seine ältere Schwester Emma lebte bereits in Halle.
Sie war verheiratet mit Hermann Schwab (1863-1927), der hier gemeinsam mit
seinem Bruder Max Schwab (1858-1925) eine Viehhandlung betrieb. Die Eltern
folgten ebenfalls nach Halle.
1908 verstarb der Vater Hermann Holländer im Alter von 71 Jahren. Sein
Grabstein auf dem Friedhof Humboldtstraße 52 trägt die hebräische und
deutsche Inschrift:
Hier ruht der gradlinige und fleißige Mann Naftali, mein innigstgeliebter
Mann, unser unvergesslicher Vater, Still und bescheiden stets im Leben,
seinem Gotte treu ergeben.
1922 starb die Mutter Fanny Holländer im Alter von 79 Jahren. Auf ihrem
Grabstein findet sich die Inschrift:
Hier ruht die geliebte Frau und Rechtschaffene Frumet, unsere
innigstgeliebte Mutter, Ihre Familie war ihr Leben.

Die Vorfahren von Elvira Troplowitz stammten väterlicherseits aus Gleiwitz
in Schlesien, wo die Familie seit dem 17. Jahrhundert ansässig, bekannt,
vermögend und assimiliert war. In Hamburg erlangte ein entfernter Verwandter
von Elviras Vater, Oskar Troplowitz (1863 - 1918), Bekanntheit durch die
Herstellung einiger noch heute bekannter Produkte (Leukoplast 1901,
Labellostift 1909 und Niveacreme 1911). Elviras Eltern, Albert und Henny
Troplowitz geb. Rosenbaum lernten sich in Hamburg kennen und betrieben nach
der Heirat in Riesa, Hauptstraße 43, ein Geschäft für Putz-, Posamenten-,
Weiß- und Wollwaren. Nach der Geburt von Tochter Elvira am 16. Oktober 1893
zog die Familie von Riesa nach Leipzig. Dort wurde 1896 Sohn Walter Erich
geboren. Er kämpfte als Vizefeldwebel im Ersten Weltkrieg und starb 1918 in
Nordfrankreich.

Nach der Heirat bezogen Max und Elvira Holländer eine Wohnung in
Halle/Saale, Brüderstraße 17. Die Weltwirtschaftskrise ruinierte die
Existenz von Max Holländer. Ende 1930 wurde seine Schwester Emma Schwab, die
zu dieser Zeit als Witwe in einem Hamburger Hotel wohnte, von der Jüdischen
Gemeinde aufgefordert, ihren Bruder finanziell zu unterstützen. Im März 1933
wurde die Drogerie von Max Holländer aus dem Handelsregister gelöscht. 1934
zogen die Eheleute in die Leipziger Straße 54 um. Das heute nicht mehr
existierende Haus befand sich in der Nähe des Riebeckplatzes, etwa in Höhe
der hier 1970/71 errichteten Kaufhalle, die heute als EDEKA-Filiale genutzt
wird.

Im Juni 1938 wurde Max Holländer als ASR-Häftling Nr. 5540 im
Konzentrationslager Buchenwald inhaftiert. Buchenwald war im Frühsommer 1938
eines der zentralen Lager, das Verhaftete internierte, die im Rahmen der
"Aktion Arbeitsscheu Reich" (ASR-Häftlinge) als "Asoziale" verfolgt
wurden. Innerhalb dieser Aktion fand die erste große antisemitische
Verhaftungswelle statt: 1.256 Juden wurden in der Juni-Aktion als
ASR-Häftlinge nach Buchenwald verschleppt.
Am 20. Oktober 1938 wurde Max Holländer zwar entlassen, aber schon drei
Wochen später, im Zuge der Pogromnacht, erneut als Häftling Nr. 23377 in das
Konzentrationslager Buchenwald eingeliefert und einen Monat später abermals
entlassen, allerdings mit der Auflage, Deutschland binnen kürzester Frist
zu verlassen. Im April 1939 flüchtete Max Holländer nach Shanghai, wo er am
1. Februar 1943 im Alter von 63 Jahren starb.

Elvira Holländer war vermutlich wegen ihrer in Leipzig lebenden Mutter in
Deutschland geblieben. Der Vater war 1937 verstorben. Elvira Holländer wurde
zu Zwangsarbeit bei der städtischen Müllabfuhr verpflichtet und musste in
das Haus Harz 48 umziehen, das von der Gestapo als "Judenhaus" deklariert
worden war. Am 1.Juni 1942 wurde die 48-jährige Elvira Holländer mit einem
Sonderzug ins Vernichtungslager Sobibor deportiert und sofort nach der
Ankunft am 3.Juni 1942 mit Gas ermordet.

Nur drei Monate später, im September 1942, wurde ihre 78-jährige Mutter von
Leipzig nach Theresienstadt deportiert, wo sie im Februar 1943 starb.

 


Shanghai - Zuflucht und Wartesaal. Hallesche Juden im Exil.
Ein Film von Fabian Lamster, Stefan Michel, Marie Schultz (2017, 30 Min)
Entstanden im Rahmen des Projekts "Stolpersteine - Filme gegen das Vergessen" des Masterstudiengangs MultiMedia & Autorschaft an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, 2017. HIER >>>






   

 


Quellen:

Sabine Schwab [Hrsg.] : Lebenslinien - Erinnerungen an die Familien Gembicki, Kemlinski und Schwab, Manuskript im Besitz der Herausgeberin, Fassung September 2012.

Volkhard Winkelmann und ehemaliges Schülerprojekt "Juden in Halle" des Südstadt-Gymnasiums Halle [Hrsg.] :
Unser Gedenkbuch für die Toten des Holocaust in Halle, 3. Auflage, 2008.
http://www.gedenkbuch.halle.de/gbdatensatz.php?num=155
http://www.gedenkbuch.halle.de/gbdatensatz.php?num=417

Stadtarchiv Halle, Auskunft Roland Kuhne v. 30.8.2011

www.its-arolsen.org