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Forsterstraße 13



Hier wohnten

Paula, Clara und Selma Loewendahl
Günter, Paula und Chana Baer

Die Loewendahls waren angesehene Kaufleute. Samuel Loewendahl und seine Frau Sofie Rosalie geb. Rothschild hatten sechs Kinder: Herrmann (*1864), Clara (*1865), Paula (*1869), Selma (*1872), Frieda (*1873) und Mathilde. Frieda starb 1937, Hermann 1939. Ihre Gräber befinden sich auf dem Jüdischen Friedhof Humboldtstraße. Mathilde, verheiratet mit dem Kaufmann Max Cerf, floh ins Ausland. Die Eltern starben 1941 und hinterließen u. a. das „Modehaus für Damenkonfektion Geschwister Loewendahl“, Große Ulrichstraße 2 (heute Kaufhaus Müller), sowie das Haus Forsterstraße 13. Nach Hermanns Tod ging das Haus in den Besitz von Clara L. über. Im Zuge der „Arisierung“ verloren die Loewendahls allen Besitz und mussten erdulden, dass ihr Haus von der Gestapo als „Judenhaus“ deklariert wurde, d.h. aus ihren Wohnungen vertriebene Juden wurden zwangsweise eingewiesen und mussten auf engstem Raum auf ihre Deportation oder weitere Anweisungen der Gestapo warten. Auch Paula und Selma Loewendahl mussten ihre Wohnung Seydlitzstraße 15 (heute Fischer-von-Erlach-Straße) verlassen und lebten fortan bei der Schwester in der 2.Etage. Am 13. April 1942 nahm sich die 76-jährige Clara Loewendahl das Leben. Nach Ankündigung der Deportation für den 19.9.1942 setzten auch die 73-jährige Paula und die 69-jährige Selma Loewendahl ihrem Leben ein Ende. Paula starb am 15. September 1942, Selma überlebte noch bis zum 16. September 1942. Beide wurden auf dem Jüd. Friedhof Dessauer Straße (damals Boelckestr.) anonym bestattet - die Errichtung von Grabsteinen war inzwischen für Juden per Gesetz verboten.

Im Kellergeschoss lebte Familie Baer. Der Kaufmann Günter Baer (*1918 in Worms) kam am 5.9.1939 in Halle an. Er gehörte zu den Bewohnern der westlichen deutschen Grenzgebiete, die im Saarland, der Pfalz und Baden sofort bei Kriegsbeginn als Aufmarschgebiet geräumt wurden. Mehr als eine halbe Million Menschen wurden ins Landesinnere evakuiert. Auch Paula Bermann (*1921 in Schwetzingen) kam auf diese Weise nach Halle und wurde auf dem Gelände des Jüdischen Friedhofs (Boelckestr.24, heute Dessauer Str.) untergebracht. Hier trafen sich die jungen Leute und heirateten 1940. Am 3. Februar 1941 wurde Tochter Chana im Israelitischen Krankenhaus Hannover geboren. Bis zu ihrer Deportation am 1. Juni 1942 lebten sie dann in der Forsterstr.13. Am 3.Juni 1942 erreichte der Deportationszug das Vernichtungslager Sobibor. Wie alle anderen „Reisenden“ wurden auch der 25-jährige Günter, die 21-jährige Paula und das 16 Monate alte Baby Chana sofort nach der Ankunft mit Gas ermordet.




Quellen:

Carolin Emcke: Wiedergutmachung „Da hakt es im Gesetz“, in: DER SPIEGEL 30/2000, Seite 50-51

Gedenkbuch des Bundesarchivs f. d. Opfer d. nationalsozialistischen Judenverfolgung in Deutschland

Stadtarchiv Halle, Nachlass Gudrun Goeseke

Volkhard Winkelmann und ehem. Schülerprojekt "Juden in Halle" des Südstadt-Gymnasiums: Gedenkbuch für die Toten des Holocaust in Halle - www.gedenkbuch.halle.de

Yad Vashem – Zentrale Datenbank der Namen der Holocaustopfer