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Großer Berlin 8

Herr und Frau Herschkowicz mit
Tochter Hanna

Foto: Gedenkbuc
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Das Haus Großer Berlin 8, links der Hintereingang zur Synagoge
Foto: Gedenkbuch

Familie Herschkowicz
Foto: Gedenkbuch

Ruth Sorel-Abramowitsch

Flora und Heinrich Jacoby
Foto: Gedenkbuch

Alfred Riesenfeld
Foto: Gedenkbuch

In diesem Haus wohnten Hanna Herschkowicz, Leib Herschkowicz, Sara Herschkowicz geb. Stern, Aron Abramowitz, Franziska Frank, Amalie Israel geb. Falkenberg, Flora Jacoby geb. Joel, Chaim Simon Lerner, Pauline Metis geb. Simonsohn, Rosalie Meyerstein, Henriette Reiter geb. Rothkugel, Alfred Riesenfeld, Elisabeth Schwarz geb. Backhaus, Simon Schwarz, Leo Seliger und Frieda Zuckermann.

Der ehemalige Grundriss des Hauses Großer Berlin 8 ist heute nicht mehr erkennbar. In den 80er Jahren ließ die hallesche Stadtverwaltung das Haus, ebenso wie die daneben liegenden Reste des Hintereingangs der großen Synagoge, abreißen und mit DDR-Plattenhäusern überbauen.
Der Große Berlin 8 war bis 1929 die jüdische Religionsschule. Nach dem Erwerb eines neuen Gebäudes (Germarstr. 12) wurde der Unterricht dorthin verlegt. Das Haus Großer Berlin 8 diente nun als "kleine Synagoge" für tägliches Gebet und Totengedenken.

Im oberen Stockwerk wohnte die Familie des Kultusbeamten Leib Herschkowicz. Seine Frau unterhielt hier auch einen koscheren Mittagstisch und eine Kaffeestube. Nachdem 1938 Familie Herschkowicz aus Deutschland vertrieben wurde, stand das Haus einige Zeit leer und wurde dann von der Jüdischen Gemeinde so umgebaut, dass es ab 1939 alte, kranke und andere, durch Verfolgung hilfsbedürftig gewordene Personen aufnehmen konnte.

Ab November 1939 lebten in diesem, nun Alten- und Siechenheim genannten Haus sechzehn Gemeindemitglieder. 1941 wurden sie unter Zwang in das Haus Dessauer Str. 24 (damals Boelcke Str.) gebracht, wo sie bis zur Deportation in die Lager Sobibor und Theresienstadt auf engstem Raum zusammengepfercht leben mussten.

Leib Herschkowicz war als Kustode (Gemeindediener) angestellt. Von ihm sind Briefe erhalten, in denen er seinem nach Palästina geflüchteten Sohn Lazar berichtet:
"... von 28. zu 29. Oktober (1938) war eine Nacht die wir nie im Leben vergessen werden, man hat uns in der Finsternis in Regen herumgejagt wie die Hunde über Felder Graben und Berge, es ist ein Gottes Wunder das wir alle nicht krankgeworden sind..."
In dieser Nacht wurden etwa 120 aus Polen zugezogene Juden, die weder deutsche noch polnische Staatsbürgerschaft hatten und als "staatenlos" galten, von Halle ins deutsch-polnische Grenzgebiet gebracht und über den Grenzstreifen nach Polen gejagt. Familie Herschkowicz kam bei Verwandten in Slupca unter und verfolgte besorgt die Nachrichten aus Halle:
"... ich habe gehört, dass in Halle soll die Synagoge auch verbrannt worden sein und abgerissen. Unsere Wohnung stand doch daneben. Wer weiß wie es dort aussieht... fast alle Juden (Männer) waren in K.Z.Lager... Es ist dort große Zoris (Nöte, Sorgen) ..."
Es gelingt ihm, die Genehmigung für eine Reise zurück nach Halle zu bekommen und er schreibt am 27. August 1939:
"... Die kleinen Wertsachen waren fort... sonst ist alles noch da gewesen. Die Synagoge ist in ganzen verbrannt, auch die Tora-Rollen, mein Talis und Tefillin ist mit in den Flammen fort. Es war ein furchtbarer Anblick für mich das anzusehen. Hoffentlich bekommt er --- für alles seine harte Strafe... von Halle sind schon viele Leute fort. Es sind aber auch noch viele dort. Jugend ist fast gar nicht mehr da... von den Reichen hat man... das Vermögen weggenommen... uns geht es einigermaßen, nur große Sorge..."
Es ist der letzte Brief, der den Sohn erreicht. Leib Herschkowicz ist 50 Jahre alt. Wenige Tage später marschiert die deutsche Wehrmacht in Polen ein und die planmäßige Ermordung der Juden beginnt.

Sara Herschkowicz geb. Stern
Ihr Sohn Lazar erinnert sich:
" Mein Vater war Bäcker und meine Mutti war eine wirklich gute Köchin... Meine Eltern wurden... gebeten, einen Mittagstisch zu eröffnen für ältere Leute, die keine Lebensexistenz mehr hatten.
Ca. 10 Frauen und Männer bekamen ein warmes koscheres Mittagsmahl. Die Kosten wurden von der Gemeinde gelöscht. Unsere Wohnung war auch Treffpunkt für Singles, meistens Frauen, zum Kartenspielen, allgemeine Unterhaltung und auch für leichten Imbiss..."
Sara Herschkowicz ist 40 Jahre alt, als ihre Lebensspur im besetzten Polen endet.

Hanna Herschkowicz
Ein Foto zeigt Hanna als fröhliches, kräftiges Mädchen. Sie sitzt mit der Schultüte auf den Knien auf den Stufen des Hintereingangs der Synagoge neben dem Wohnhaus Großer Berlin 8. Nach der Vertreibungsnacht 28./29.Oktober 1938 schreibt der Vater an seinen Sohn in Palästina:
"...du musstest damals deine Schwester gesehen haben, wir dachten das wir sie gottbehüte nicht Lebend nach Polen hereinbringen..."
Aus Polen schreibt Hanna dann selbst an den Bruder:
"Liebes Brüderchen! Seit drei Wochen sind wir bei der Oma. Ich gehe hier nicht in die Schule. Sondern ich nehme hier... Polnisch Unterricht. Ich kann schon ein paar Wörter..."
Hanna ist 11 Jahre alt, als ihre Stimme verstummt.

Aron Abramowitz war Witwer und lebte ab 1941 im Siechenheim Halle. Über das Jüdische Krankenhaus Berlin wurde der 68Jährige am 11. Januar 1944 nach Theresienstadt deportiert. Dort starb er schon einen Monat später am 27. Februar 1944.
Seine drei Töchter Alice, Lea und Ruth überlebten. Auch Martha und Max Abramowitz, Kinder seines Bruders Josef, wurden 1945 aus Konzentrationslagern befreit.

Franziska Frank kam aus Eisleben nach Halle ins Siechenheim bis sie zwangsweise in die Dessauer Str. 24 umgesiedelt wurde. Am 19. September 1942 brachte man sie mit 78 weiteren Juden von Halle nach Theresienstadt. Dort starb die 67Jährige am 22. Mai 1944.

Amalie Israel geb. Falkenberg kam 1940 von Wittenberg nach Halle. Nach dem Tod ihres Mannes, Jakob Israel, lebte sie im Alten- und Siechenheim bis sie zwangsweise in die Dessauer Str. 24 umgesiedelt wurde. Die 64Jährige wurde, gemeinsam mit 154 weiteren Juden, am 1. Juni 1942 nach Sobibor bei Lublin deportiert und dort am 3. Juni 1942 mit Gas ermordet.
Auch Ihr Sohn Martin Israel starb in einem Konzentrationslager.

Flora Jacoby geb. Joel hatte ihren Mann 1927 bei einem tödlichen Autounfall verloren. Die Witwe lebte im Alten- und Siechenheim bis sie 1942 zwangsweise in die Dessauer Str. 24 und am 27. Februar 1943, gemeinsam mit 18 weiteren Juden, nach Theresienstadt deportiert wurde. Die 81Jährige starb einen Monat später am 29. März 1943.
Ihr Sohn, Prof. Dr. med. Georg Jacoby, wurde am 14. Februar 1945 ins Ghetto Theresienstadt deportiert, wo er 4 Tage später befreit wurde – der Krieg war zu Ende.
Auch die vier – von 1924 bis 1929 – geborenen Enkel überlebten.

Chaim Simon Lerner hatte vor seinem Ruhestand einen Altwarenhandel in der Großen Nicolaistr. 6. Seine Tochter Anna Heymann geb. Lerner wohnte im Gemeindehaus Große Märkerstr. 13 und war schon 1942 nach Sobibor deportiert und dort ermordet worden. Den alten Mann brachte man zuerst, wie die anderen Insassen des Siechenheims, in die Dessauer Str. 24 und am 27. Februar 194 mit 18 weiteren Juden nach Theresienstadt.
Dort starb der 71Jährige ein halbes Jahr später am 14. August 1943.

Pauline Metis geb. Simonsohn wurde 1868 in Ermsleben geboren. Die Witwe fand hier im Siechenheim Aufnahme bis sie zwangsweise in die Dessauer Str. 24 umgesiedelt und am 19. September 1942 mit 78 weiteren Juden nach Theresienstadt deportiert wurde.
Dort starb die 74Jährige kurz danach am 5.Oktober 1942.

Rosalie Meyerstein wohnte ursprünglich in Gröbzig, Alter Markt 17. Nach Erlass der "Rassegesetze" zwang man sie und alle anderen Gröbziger Juden ins Gemeindehaus neben der Gröbziger Synagoge zu ziehen. Als Rosalie Meyerstein 1940 als letzte Insassin des Hauses nach Halle übersiedelte, meldete der Bürgermeister von Gröbzig an den Landrat in Köthen, jetzt sei Gröbzig "judenrein".
Frau Meyerstein fand im Siechenheim Aufnahme bis sie zwangsweise in die Dessauer Str.24 umgesiedelt und am 19.September 1942 zusammen mit ihrem in Halle lebenden Bruder, ihrer Schwägerin und 76 weiteren Juden nach Theresienstadt deportiert wurde.
Dort starb sie 82jährig am 27.Februar 1943.
Das Museum "Synagoge Gröbzig" beherbergt heute eine Dauerausstellung, in der auch das Schicksal von Rosalie Meyerstein dokumentiert ist.

Siehe auch STOLPERSTEINE für Israel und Bertha Meyerstein, Brüderstr.10

Henriette Reiter geb. Rothkugel zog aus der Zinksgartenstr.15 ins Alten- und Siechenheim bis sie zwangsweise in die Dessauer Str.24 umgesiedelt und am 19. September 1942 mit 78 weiteren Juden nach Theresienstadt deportiert wurde. Dort starb die 73Jährige kurz danach am 26. Oktober 1942.

Alfred Riesenfeld zog 1939, mit kurzem Zwischenhalt bei seiner Tochter in Merseburg, von Breslau nach Halle. Er war allein zurückgeblieben, nachdem seine Frau gestorben war und die Tochter Annemarie Beutler mit Mann und Kind nach Shanghai flüchten konnte. 1940 zog er in das Alten- und Siechenheim. Im Januar 1942 wurde er zwangsweise in die Dessauer Str. 24 umgesiedelt und von dort am 1. Juni 1942, gemeinsam mit 154 weiteren Juden, in das Vernichtungslager Sobibor deportiert und dort am 3. Juni 1942 mit Gas ermordet. Er war 59 Jahre alt.
Der 1934 noch in Merseburg geborene Enkelsohn Martin Beutler lebt heute in Berlin.

Simon + Elisabeth Schwarz geb. Backhaus zogen 1939 von Wittenberg ins Alten- und Siechenheim nach Halle. 1941 wurden sie zwangsweise in die Dessauer Str. 24 umgesiedelt. Das Ehepaar wurde, gemeinsam mit 153 weiteren Juden, am 1. Juni 1942 von Halle nach Sobibor bei Lublin deportiert und dort am 3. Juni 1942 mit Gas ermordet. Sie waren beide 63 Jahre alt.

Leo Seliger, 1876 geboren in Bad Orb, fand Aufnahme im Siechenhaus bis er zwangsweise in die Dessauer Str. 24 umgesiedelt und am 19. September 1942 mit 78 weiteren Juden nach Theresienstadt deportiert wurde. Dort starb der 68Jährige am 16. April 1944.
Frieda Zuckermann wurde 1887 in Wulka / Polen geboren und gehört zu dem Personenkreis, der als "staatenlos" galt. Aus ihrer Wohnung Wörmlitzer Str. 108 zog sie ins Siechenheim bis sie zwangsweise in die Dessauer Str. 24 umgesiedelt wurde. Die 55Jährige wurde gemeinsam mit 132 weiteren Juden am 1. Juni 1942 nach Sobibor bei Lublin deportiert und dort am 3. Juni 1942 mit Gas ermordet.




Quellen:

Privatarchiv Gudrun Goeseke

http://www.gedenkbuch.halle.de
Volkhard Winkelmann und Schülerprojekt "Juden in Halle" des Südstadt-Gymnasiums Halle (Hrsg.)
"Unser Gedenkbuch für die Toten des Holocaust in Halle"
Halle 2004, 2. Auflage, weitere Aktualisierungen eingeschlossen