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  ERINNERUNGSARCHIV
   
   

Mitteldeutsche Zeitung 21.12. 2005

Tanzsaal war erstes Quartier
Verein will mit Archiv an das Schicksal der Vertriebenen in Halle erinnern
von Heidi Pohle

 
Anne Kupke vom Verein Zeitgeschichte(n) spricht oft mit Grete Wollny (rechts), die viel über das Schicksal der Vertriebenen in Halle berichten kann. (MZ-Foto: Wolfgang Scholtyseck)


Halle/MZ. Grete Wollny war 22 Jahre alt, als sie mit Eltern und Bruder aus Pommern fort musste. Die Familie bewirtschaftete in Mellin, Kreis Stolp, einen größeren Bauernhof, hatte sich nach Kriegsende mit den Polen arrangiert. Bis der 16. November 1946 kam. "Da hieß es Knall auf Fall, den Hof zu verlassen - nur mit ein bisschen Handgepäck", erinnert sich Frau Wollny an die Vertreibung. Tagelang seien die Menschen unterwegs gewesen, teilweise in Waggons transportiert worden. In Torgau war Zwischenstation, ehe es nach Halle weiterging.
Wollnys kamen nach Diemitz in ein Gasthaus, der Tanzsaal war das erste Quartier, auch über Weihnachten. Die Suche nach einer eigenen Bleibe gestaltete sich schwer. "Wir wollten ja alle zusammenbleiben", beschreibt sie die damalige Situation. Schließlich gelang es, ein Zimmer in der Sagisdorfer Straße 13 zu finden - zwölf Quadratmeter für vier Personen. "Aber die Wirtsleute Franz und Luise Haring waren nett", so Grete Wollny, deren Eltern bis in die 60er Jahre dort gewohnt haben.
Sie selbst, in der Landwirtschaft groß geworden, arbeitete zunächst als Reinigungskraft, dann als Mädchen für alles in der Stellmacherei des Karosseriewerkes in der Berliner Straße, ehe sie schwer krank wurde. Später heiratete sie einen Stellmacher-Meister und zog in die Paul-Suhr-Straße, wo sie heute noch wohnt, arbeitete viele Jahre im Handel. Kinder hat sie nicht.
"Willkommen waren wir Flüchtlinge in Halle nicht", erinnert sie sich. Auch sie wurde in den ersten Jahren oft "schief angesehen und von oben herab" behandelt. Erst nach und nach seien die Vertriebenen aus Pommern und Schlesien akzeptiert worden; heute frage niemand mehr nach ihrer Herkunft; bestenfalls, warum sie nicht den halleschen Dialekt spreche.
Menschen wie Grete Wollny werden vom Zeitgeschichte(n)-Verein gesucht, um ein Erinnerungs-Archiv aufzubauen. "Es soll das Schicksal dieser Menschen bewahren", sagt Anne Kupke. Die 23-Jährige studiert an der Leipziger Universität und betreut das "Zeitgeschichte(n)"-Projekt mit dem Historiker Knut Scherer.
Wie sie sagte, sei über die Thematik noch viel zu wenig bekannt. Zum Beispiel, dass es über
die Stadt verteilt 20 Auffanglager gab, in denen die Ankömmlinge unter schweren Bedingungen leben mussten. Nach ihren Recherchen bestand die Nachkriegsbevölkerung von Halle zu etwa 25 Prozent aus Flüchtlingen und Vertriebenen. Auch Anne Kupkes Großeltern gehörten dazu, sie stammten aus Schlesien.
Aus deren Erzählungen weiß die junge Frau, dass die Fremden in Halle bis auf Ausnahmen nicht willkommen waren. So habe sich damals eine Frau seitenlang beim Magistrat beklagt, wie schlimm sich die Zugewanderten aufführten - sogar einen Lappen hätten sie ihr gestohlen. Es habe aber auch Beispiele der Nächstenliebe gegeben. Als im harten Winter 1945 / 46 ein Kind erfroren war, sammelte die Petrus-Gemeinde in Kröllwitz warme Kleidung.

Wer sein Schicksal aufschreiben oder erzählen möchte, kann sich an Anne Kupke wenden:
Große Ulrichstraße 51 in 06108 Halle, Telefon-Nummer: 0345 / 203 6040, E-Mail: anne.kupke@web.de.