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  DIE TORGAUER HÄFTLINGSURNEN
   
 


Halle, 4.11.2004

Presseerklärung des Zeit-Geschichte(n) e.V. Halle zur geplanten Verleihung des "Emil-Fackenheim-Preises für Toleranz und Verständigung" an den IVVdN-Landesverband Sachsen-Anhalt am 9.11.2004

Die Jüdische Gemeinde zu Halle will am 9. November 2004 den mit 2000 Euro dotierten "Emil-Fackenheim-Preis für Toleranz und Verständigung" an den IVVdN-Landesverband Sachsen-Anhalt vergeben.
Die Auswahl des diesjährigen Preisträgers wirft allerdings einige Fragen auf:

Der Landesvorsitzende des IVVdN Josef Gerats wird durch die "Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes" (VVN) als "Überlebender des Holocaust" bezeichnet (vgl. www.vvn-bda.de , Erklärung "Holocaustüberlebende verurteilen den Richterspruch aus Karlsruhe", unterzeichnet von "Josef Gerats, Halle, Überlebender des Holocaust").
In einer Würdigung, die anlässlich seines 85. Geburtstages erschien, liest man, Gerats sei 1940 nach der Besetzung Hollands interniert und verhaftet worden, habe anschließend als Wehrunwürdiger Zwangsarbeit geleistet, sei im Februar 1945 aus der Wehrmacht desertiert und zu tschechischen Partisanen übergelaufen (vgl. Artikel "Jupp war Henk 3290" in der Zeitschrift "antifa", Ausgabe Oktober/November 2004, www.antifa.vvn-bda/artikel).

Dieser Darstellung stehen mehrere uns vorliegende Fragebögen und weitere Dokumente entgegen, die Josef Gerats 1949 nach seiner Rückkehr aus sowjetischer Kriegsgefangenschaft handschriftlich ausfüllte oder selbst anfertigte (vgl. Landesarchiv Merseburg, Landesleitung der SED Sachsen-Anhalt V/8/209, Bl. 154-161). Es handelt sich um

a)  einen von Gerats ausgefüllten und unterzeichneten Aufnahmevertrag in die VVN,
b)  einen handgeschriebenen Lebenslauf vom 28.4.1949
c)  einen von Gerats am 27.11.1949 ausgefüllten Zusatzfragebogen der VVN.

Daraus geht hervor, dass Josef Gerats zwischen 1933 und 1945 weder verhaftet, noch interniert, inhaftiert, als wehrunwürdig eingestuft oder zur Zwangsarbeit verpflichtet wurde. Es finden sich in den entsprechenden Rubriken der Fragebögen auch keine Angaben über seine angebliche Desertion aus der Wehrmacht und Teilnahme am Partisanenkampf. Die Angaben werden durch seinen handgeschriebenen Lebenslauf und den Zusatzfragebogen bestätigt, in dem er 1949 angab, weder politisch, noch rassistisch oder religiös verfolgt worden zu sein.

Obwohl dem Vorsitzenden der Jüdischen Gemeinde, Max Privorotzki, dieser Sachverhalt schon vor einiger Zeit durch unser Vereinsmitglied, den Historiker Dr. Frank Hirschinger, zur Kenntnis gegeben wurde, hält er an der Nominierung seines Preisträgers fest und hält auch weiterhin das Datum des Pogromnachtgedenkens für einen geeigneten Zeitpunkt der Preisverleihung.

Wir bedauern diese Entscheidung, weil sie das Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus mit einer notwendigen zeitgenössischen Auseinandersetzung mit den Propagandalügen der kommunistischen Diktatur vermischt.

Vor diesem Hintergrund fordern wir Herrn Privorozki   auf, noch einmal zu überdenken, ob er wirklich anlässlich des Gedenkens an die Reichsprogromnacht, einem falschen "Holocaust-Überlebenden" und früheren SED-Funktionär die Gelegenheit geben will, alte Propagandalügen über die deutsche Nachkriegsgeschichte zu verkünden.

Sollte Herr Privorozki an seinem Vorhaben festhalten, werden wir das Pogromnachtgedenken vor der Preisverleihung verlassen.

Der Vorstand