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  DIE TORGAUER HÄFTLINGSURNEN
   
 

Mitteldeutsche Zeitung Halle, 08.11.04

Neuer Streit um Preisvergabe
Jüdische Gemeinde: Debatte wegen Ehrung für IVVdN - Kritik an Landesvorsitzenden

Halle/MZ/stk.  Auch die am Dienstag stattfindende zweite Verleihung des Emil-Fackenheim-Preises für Toleranz durch die Jüdische Gemeinde Halle wird von Streitigkeiten begleitet. Hatte im vergangenen Jahr mit dem ehemaligen Ministerpräsidenten Christoph Bergner einer der Preisträger die Entgegennahme der Ehrung unter Hinweis auf die starre Haltung der Gemeinde in einer Auseinandersetzung mit dem Land um die Verwendung finanzieller Mittel abgelehnt, liefert diesmal schon die Auswahl des Preisträgers Zündstoff. Nachdem die Repräsentantenversammlung der Jüdischen Gemeinde beschlossen hatte, den Verband ehemaliger Teilnehmer am antifaschistischen Widerstand, Verfolgter des Naziregimes und Hinterbliebener (IVVdN) zu ehren, rückte IVVdN-Landesvorsitzender Josef Gerats in den Blickpunkt.

Gerats, kritisiert der Historiker Frank Hirschinger, habe seine Biographie als Verfolgter des Nazi-Regimes zurechtgebogen. So behaupte der 85-Jährige, er habe Zwangsarbeit geleistet, sei aus der Wehrmacht desertiert und zu Partisanen übergelaufen. Ereignisse, sagt Hirschinger, die er im Jahre 1949 mit keiner Silbe erwähnt habe. Längst tobt im Internet darüber ein erbitterter Meinungskampf. Doch der strahlt auch ins richtige Leben aus: Der Verein Zeit-Geschichte(n), den Gerats wegen der Umbettung von 117 Torgauer Gefangenen-Urnen auf dem Gertraudenfriedhof scharf angegriffen hatte, forderte die Jüdische Gemeinde auf, "zu überdenken, ob einem falschen Holocaust-Überlebenden Gelegenheit gegeben werden soll, alte Propagandalügen zu verkünden."

Gemeindechef Max Privorozki sieht keinen Handlungsbedarf. "Der Repräsentantenausschuss hat entschieden", sagt er, "außerdem ist Gerats nicht der IVVdN." Auch Manfred Humprecht vom Bund der Antifaschisten sieht das so. "Jupp Gerats ist eine lautere Persönlichkeit, die in der DDR immer kritische Distanz bewahrt hat." Der Betroffene selbst, derzeit im Krankenhaus, fühlt sich in alte Zeiten zurückversetzt. "Da wird Material benutzt, das unter der SED gegen mich gesammelt wurde." Als West-Emigrant habe er stets unter Verdacht gestanden. "Jetzt kommt es mir vor, als ob die Parteikontrollkommission wieder tagt." Inhaltlich seien die Vorhaltungen "totaler Quatsch": "Meine Mutter war im KZ, mein Bruder wurde wegen Hochverrats verurteilt, ich musste fliehen - das sind Tatsachen."