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  DIE TORGAUER HÄFTLINGSURNEN
   
 

Halle, 16.11.2004

OFFENER BRIEF

Betr.: Mitteldeutsche Zeitung vom 2.10.2004

Sehr geehrte Frau Bürgermeisterin,

der in der Presse ausgetragene Streit, den offenbar Vertreter der Verfolgten des Naziregimes begonnen haben, macht sehr betroffen. Insbesondere dann, wenn man sich selbst - so wie ich - mit dem Schicksal der dort genannten Menschen auf besondere Art verbunden fühlt.
Deshalb lassen Sie mich hier voranstellen, dass mein nach Kriegsende spurlos verschwundener Vater zu eben jenen Opfern der Nachkriegszeit gehört, um die es vergleichsweise auch in den veröffentlichten Pressemeldungen geht. Als Kind wurde mir auf der Grundlage eines willkürlichen Vorgehens durch die sowjetische Besatzungsmacht mein Vater genommen. Dies ist den heutigen Auskünften, die mir schriftlich aus Moskau vorliegen, zu entnehmen. Und sie können mir glauben: Schicksale und ganze Lebensumstände wurden dadurch geprägt. Das Schicksal meines Vaters wurde erst mit Hilfe und durch die Unterstützung der Gedenkstätte "Roter Ochse" umfassend aufgeklärt, erst heute nach Jahren und Jahrzehnten, finden meine Mutter, meine Schwestern und ich wenigstens eine gewisse Ruhe. Ungewissheit über diese langen Zeiträume war jedoch immer präsent.

Wie ohnmächtig muss das Gefühl der Angehörigen gerade jener beschriebenen Opfer aus Torgau in dieser Zeit gewesen sein, wo es keinerlei Hinweise oder Auskünfte zum Verschwinden, ja - zum Tod der Vermissten je gegeben hatte. Spurlos in der weiteren Geschichte sollte deren Asche verscharrt bleiben - ein Umgang mit den Toten, der außerhalb jeder Zivilisation steht.

Ist es etwa davon abhängig, welche Rolle der Einzelne vor Kriegsende im Leben der Gesellschaft einnahm, ist es nicht unserem christlichen Selbstverständnis geschuldet, die Toten würdig zu bestatten? Ist ein Totengrab etwa abhängig von einem vermeintliche "guten" oder "schlechten" Menschen und was heißt da "gut" oder "schlecht"? Die Würde des Menschen ist unantastbar, heißt es in unserem Grundgesetz. Und Sie stimmen mir doch sicherlich zu, liebe Frau Oberbürgermeisterin, zur Würde gehört auch ein würdevoller Umgang mit dem Tod und mit den Toten.

Ein Informationstext (ich hatte ihn selbst gelesen, als das noch möglich war), der über historisch nachprüfbare Abläufe informiert, steht dem ganz bestimmt nicht entgegen. Aus ihrer Entscheidung, den Text entfernen zu lassen, kann ich eigentlich nur eine Frage ableiten, die ich Sie bitte, mir zu beantworten: Wovor haben S I E Angst?

Was beeindruckt an der, man möchte meinen, schon übermäßigen Hetze durch NS-Verfolgte und deren politische Handlanger, die heutige PDS, oder deren Erfüllungsgehilfen, wie die Jüdische Gemeinde, die selbst in erpresserisch-krimineller Weise, durch nichts zu akzeptieren, es wagt, Spendengelder vom Wohlverhalten eines Vereins abhängig zu machen (wie MZ berichtete).

Durch diesen öffentlich ausgetragenen Akt der politischen Erpressbarkehit einer Stadtverwaltung, das nehmen Sie bitte zur Kenntnis, leidet nicht nur das ohnehin sehr belastete politisch-soziale Klima einer Kulturstadt, wie Halle, sondern insbesondere auch die demokratische Kultur unseres rechtsstaatlichen Gemeinwesens.

Ich hoffe sehr, insbesondere im Interesse der Opfer, dass Sie Ihre Entscheidung korrigieren, sich dem politischen Druck der ewiggestrigen Stalinisten, die die Toten unter dem Vorsatz vermeintlicher Kriegsverbrecher permanent verunglimpfen und deren Totenruhe unaufhörlich stören, nicht länger aussetzen und den Mut zum Bekenntnis auf einen würdevollen Umgang mit dem Tod - unabhängig von dem Einzelnen - aufbringen.
Allein das ist meiner Meinung nach entscheidend für den zu begrüßenden Akt, vergessenen Opfern einen Anspruch auf ein würdevolles Grab zu ermöglichen.

Eine Grabstätte ist eben kein Ehrenhain, es sei denn, die Stadt habe es so gewollt. ... Doch da sind wir uns doch sicherlich einig.

In der Hoffnung darauf, die Stadt Halle möge dem vielfach zitierten und auch richtigen Bekenntnis "Gesicht zeigen" - bezüglich des genannten Gräberfeldes - endlich auch entsprechen, verbleibe ich mit freundlichen Grüßen!

Barbara Peter

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