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  DIE TORGAUER HÄFTLINGSURNEN
   
 

"Die Würde des Menschen ist unantastbar"
Die Erkenntnisse des Ministeriums für Staatssicherheit über 117 ehemalige Torgauer Häftlinge, welche auf dem Gertraudenfriedhof in Halle Anfang der 1950er Jahre verscharrt wurden

Ein Forschungsbericht von Edda Ahrberg, Landesbeauftragte für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen DDR in Sachsen-Anhalt (Stand: 15.12.2004)

Vorbemerkung:
Nach ausführlichen Diskussionen der Verfolgtenverbände und Aufarbeitungsinitiativen mit der Stadt Halle, dem Regierungspräsidium Halle und dem Innenministerium Sachsen-Anhalt wurde am 1. Juli 2003 auf dem Gertraudenfriedhof in Halle nach über 50 Jahren eine Grabanlage für 117 Anfang der 50er Jahre in Torgau verstorbene Häftlinge eingeweiht.1 Eine Tafel informierte mit folgendem Text über die Geschichte der dort bestatteten Menschen:

Diese Grabanlage wurde im Jahr 2002 für 117 Menschen errichtet, die in den Jahren 1950-1953 an den Folgen der Haftbedingungen im Torgauer Gefängnis Fort Zinna starben. Die Gefangenen waren von sowjetischen Militärtribunalen zu 7 bis 25 Jahren Zuchthaus verurteilt worden. Der Wahrheitsgehalt der Anklagen wurde nicht geprüft, es bestand keine Möglichkeit zur Verteidigung, und die Angehörigen erfuhren nichts über den Verbleib der Gefangenen. Auch über ihren Tod wurden sie nicht informiert, und so warteten die Familien noch viele Jahre vergeblich auf die Rückkehr der Verschwundenen und wagten es nicht, öffentlich über ihre verzweifelte Trauer zu reden.
Die kommunistischen Machthaber hatten die Verstorbenen zur Einäscherung nach Halle bringen lassen und den Befehl erteilt, die Urnen ohne jede Kennzeichnung "verlassen" beizusetzen. Damit sollte erreicht werden, dass die Urnen unauffindbar bleiben.
Die damaligen Mitarbeiter der Friedhofsverwaltung haben diesen Befehl nicht ausgeführt, sondern die Urnen in der Abteilung 39, einem Reihengrabfeld, dessen Ruhefristen bereits abgelaufen waren, bestattet. Die Urnen wurden einzeln, jeweils hinter dem Grabstein bzw. Kopfende eines Grabes beigesetzt. Da dies nicht in einer Reihe, sondern im Gräberfeld weit verteilt erfolgte, hat der Friedhofsleiter, trotz des damit für ihn verbundenen Risikos, heimlich einen Lageplan angefertigt. Dank dieses Planes, der 1993 im Friedhofsarchiv gefunden wurde und der nun, nach der friedlichen Revolution von 1989, der Öffentlichkeit präsentiert werden konnte, fiel endlich Licht auch auf dieses schreckliche Kapitel unserer Geschichte.
Die Urnen wurden umgebettet, um ihnen hier in dieser Grabanlage eine letzte würdige Ruhestätte zu geben. Die Steine tragen die Namen aller Toten, deren Angehörige nicht mehr ermittelt werden konnten.
Viele von ihnen wurden inzwischen von der russischen Administration rehabilitiert.
Die Grabanlage wurde im Sinne des Gesetzes der Gräber der Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft anerkannt und hat daher unbegrenztes Ruherecht.

Im Jahr 2004 forderten der IVVdN und die PDS die Entfernung der Tafel und die Beseitigung der Grabanlage mit der Begründung, dass dort bis auf wenige Ausnahmen "Nazi- und Kriegsverbrecher" beerdigt seien. Unter anderem bezog sich der IVVdN auf Auskünfte der Bundesbeauftragten für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes. Dies war Veranlassung, oben genanntes Forschungsvorhaben zu beginnen.
Ausdrücklich wird jedoch festgestellt, dass die Würde des Menschen ein friedvolles Sterben und das Recht auf eine menschenwürdige Bestattung einschließt. Jedem stehen ein Grab und die Totenruhe auf einem Friedhof zu, unabhängig davon, wer er oder sie zu Lebzeiten waren.

Zusammenfassung der Rechercheergebnisse:
Diese Zusammenfassung basiert ausschließlich auf den Unterlagen, die als Bestände des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) von der Bundesbeauftragten für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes (BStU) verwaltet werden und im Rahmen eines Antrages auf Akteneinsicht 2004 zur Verfügung gestellt wurden. Der Antrag wurde gestellt, um die Kenntnisse des MfS über die Haftsituation und die Urteilsgründe zu ermitteln. Ziel der Untersuchung ist es, die öffentlich ausgebrochene Diskussion über die neueingerichtete Grabanlage zu versachlichen.
Im Ergebnis wird festgestellt, dass diese in Torgau verstorbenen Häftlinge Opfer einer rechtsstaatswidrigen Urteilspraxis und der menschenverachtenden Haftbedingungen wurden.

Bei den vorgelegten Unterlagen handelte es sich in den allermeisten Fällen um Rückvergrößerungen verfilmter Unterlagen, deren Lesbarkeit oft zu wünschen übrig lässt. Das ist besonders bei den wenigen vorhandenen Lebensläufen und den Gesundheitsunterlagen (erweiterte Unterlagen zu 37 Personen vorhanden) der Fall. Andere Aktenbestände wurden nicht einbezogen, da es hier schon weitergehende Nachforschungen (z.B. durch Mitarbeiter der Gedenkstätte "Roter Ochse" Halle) gibt. Das Ziel dieser Akteneinsicht bestand allein darin zu klären, welche Erkenntnisse das MfS über die Tatvorwürfe und die Haftbedingungen der konkreten Personen hatte. Zur Praxis der Sowjetischen Militärtribunale und die Haftsituation in der SBZ/DDR wird daher als Ergänzung ausdrücklich auf zahlreiche bisher erschienene Publikationen verwiesen.
Gesichtet wurden Unterlagen zu 99 von 117 Männern, die von Sowjetischen Militärtribunalen in den 1940er Jahren in der SBZ verurteilt wurden und zwischen 1950 und 1953 im Zuchthaus Torgau verstarben. Zu den restlichen Personen fanden sich keine Hinweise. Aus Datenschutzgründen wurden von der BStU die Namen geschwärzt. Auf diese Weise konnten die Sachverhalte, also Urteilsgründe und Gesundheitsunterlagen, offen gelassen werden. Die Ergebnisse der Recherchen wurden in einer Tabelle zusammengefasst, wobei die Personen durchnummeriert sind. Die Reihenfolge entspricht nicht einer alphabetischen Auflistung.
Zu den ehemaligen Häftlingen fanden sich schmale Aktenbestände (in der Regel zwischen 10 und 30 Blatt). Bestandteile waren in fast jedem Fall ein Fragebogen (vier Seiten) und ein Urteilsauszug, der 1950 erstellt wurde (eine Seite), manchmal Mitteilungen über Arreststrafen, Krankenunterlagen, Totenscheine und Hinweise zur Einäscherung bzw. Durchschriften von Informationen an Angehörige.
Der Fragebogen wurde nach der Übergabe aus sowjetischer Haft 1950 an die deutschen Behörden ausgefüllt und von den Gefangenen unterschrieben. Er enthält Fragen zur Person, zum Tatvorwurf, zur Parteizugehörigkeit während des Dritten Reiches und zur Wehrmacht. Am Ende wird gefragt, ob sich der Gefangene schuldig bekennt. Manche antworteten mit "ja", manche mit "nein". Ein Mann starb bereits, bevor er den Fragebogen ausfüllen konnte (83).
Der Urteilsauszug wurde aus dem Russischen ins Deutsche übersetzt und enthält häufig eine falsche Schreibweise der Namen. Er enthält neben den §§ aus dem russischen Gesetzbuch in der Regel nur eine ungenaue Kurzbeschreibung der Vorwürfe aus Sicht des Sowjetischen Militärtribunals. Aus dieser können der genaue Hergang und auch die Tatvorwürfe nicht rekonstruiert werden. Allerdings ist ersichtlich, ob sich der Vorwurf auf die Zeit des Nationalsozialismus (55 Personen) oder auf die Zeit nach Beendigung des 2. Weltkrieges (39 Personen) bezieht.
Fünf Fälle lassen sich in dieses grobe Raster nicht einordnen. So wurde ein ehemaliges KPD-Mitglied verurteilt, weil es im April 1940 einen Brief an Radio London mit "provokatorischen und verleumderischen Äußerungen über die bewaffneten Kräfte der UdSSR" geschrieben haben soll. Ein anderer soll 1932 "als Gruppenführer der SA in der Stadt Oranienburg" eine Sturmabteilung angeführt haben, "welche die Verhaftungen der Mitglieder der kommunistischen Partei durchführte". Er verließ 1933 die SA wieder.

Bei den Vorwürfen nationalsozialistischer Vergehen muss berücksichtigt werden, dass es sich oft um Vorfälle während des Krieges handelt. Das betrifft die Urteile zum Umgang mit Zwangsarbeitern, zu Auseinandersetzungen mit Partisanen oder zur Beteiligung an Verhören und zu Vorwürfen, an Erschießungen teilgenommen zu haben. Zu den Vorwürfen gegen zwei Personen, die in Gardelegen/Isenschnibbe an dem Massaker gegen Häftlinge beteiligt gewesen sein sollen, wird ausdrücklich auf einen Artikel in der Mitteldeutschen Zeitung vom 9.12.2004 ("Unterm Mühlstein der Geschichte") verwiesen.

Die Strafmaße betrugen zwischen 8 und 25 Jahren (8 Jahre: 3, 10 Jahre: 82, 15 Jahre: 9, 25 Jahre: 4, ein Urteil konnte nicht ermittelt werden). Damit bewegen sich die meisten Urteile in einem Bereich, der damals als unter dem Durchschnitt galt. 15 bis 25 Jahre Haft entsprach dem Durchschnitt der Urteilshöhe. Die verhängten Strafen und die kurze Begründung lassen Fragen aufkommen: So bekam jemand "nur" acht Jahre Haft für "die Teilnahme an Verschleppungen zur Zwangsarbeit nach Deutschland von 20000 sowjetischen Bürgern" (52). Eine andere Person wurde zu zehn Jahren Haft verurteilt "wegen Verprügelung mit Stöcken und Fäusten von 10 Personen..., die unter seiner Aufsicht arbeiteten" (47). Aber auch der bekam zehn Jahre, der zwei sowjetische Bürger verprügelt haben sollte (62). 25 Jahre Haft war dagegen die Strafe für ein ehemaliges SED-Mitglied wegen "Spionage für den englischen Nachrichtendienst" (2).

Die Unterlagen enthielten in einigen Fällen Hinweise über Besuchserlaubnisse und geschriebene und empfangene Briefe. Die Besuchsdauer ist mit 30 Minuten angegeben. Das Mitbringen von Lebensmitteln war nicht gestattet. In einem Fall wurde das mitgebrachte Milchpulver vor den Augen des Gefangenen vernichtet. Das wog besonders schwer vor dem Hintergrund, dass die Haftbedingungen menschenunwürdig waren. Viele der Gefangenen hatten Untergewicht und waren mit ihren Kräften am Ende. Eine Häftling war in Haft, trotzdem beide Beine amputiert waren. Als häufigste Todesursache wurde offene Lungentuberkulose vermerkt. Es fiel auf, dass die Totenscheine manchmal bis zu zwei Tage nach dem Tod ausgestellt wurden. In einem Fall starb jemand kurz nach einer Oberschenkelamputation, ein anderer 12 Tage nach einem Schlaganfall – beide im Zuchthaus und nicht im Krankenhaus.
Bei den Schreiben des Gertraudenfriedhofs Halle mit der Bestätigung der Einäscherung ist merkwürdig, dass hierfür in der Regel als Zeitpunkt ein Datum zwei Tage nach dem Ausstellen des Scheines angegeben wird, dabei aber die Vergangenheitsform verwendet wurde. Angaben zur Grablage wurden nicht gemacht. In der entsprechenden Zeile findet sich meist ein Strich oder gar keine Bemerkung.
Nicht in jedem Fall finden sich Hinweise darüber, ob die Angehörigen über den Tod informiert wurden. Wenn ja, ist oft der Bestattungsort nicht genannt. Auf Nachfrage wurde einigen Angehörigen mitgeteilt, dass ihnen der Leichnam oder die Urne nicht übergeben werden kann. Eine Tochter fragte telegraphisch an, ob die Überführung der Leiche Ihres Vaters möglich ist. Auf dem Telegramm wurde handschriftlich ein kurzes "nein" vermerkt (56/Bl.28). Die Angehörigen hatten kein Mitspracherecht bei der Entscheidung über Erd- oder Feuerbestattung und schon gar nicht über den Bestattungsort. Nach einer zitierten Anweisung des Ministeriums des Innern wurden die nächsten Angehörigen, wenn sie in die Bundesrepublik verzogen waren, nicht über den Tod informiert (77/Bl.11,12).
1958 fragte die Strafvollzugseinrichtung Torgau bei den Standesämtern der ehemaligen Heimatorte nach, ob der Tod eingetragen sei. In vielen Fällen wurden erst jetzt Sterbeurkunden ausgestellt. In einer Akte findet sich folgender Hinweis in einem Schreiben vom 29.5.1958 : "Wir verweisen noch darauf, dass zur damaligen Zeit laut Verfügung des Ministers für Arbeit und Gesundheitswesen der DDR vom 6.9.1950 die Beurkundung des Sterbefalls beim zuständigen Standesamt des letzten Wohnsitzes vorgenommen wurde."(48/Bl.19) In diesem Zusammenhang kommt es immer wieder zu Ungereimtheiten und Diskussionen über die Zuständigkeit, ob das Standesamt des letzten Wohnortes oder das des Sterbeortes, also Torgau, zuständig sei.
 
 
Die einzelnen Ergebnisse der Nachforschungen aus MfS-Unterlagen:

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LStU

Von der LStU aus Datenschutzgründen vergebene Nummer
Alter
Alter zum Zeitpunkt des Todes
Todesursache
Angaben aus den Totenscheinen, die manchmal bis zu 2 Tage nach dem Tod ausgestellt wurden, und Schreiben des Gertraudenfriedhofes Halle. Bei letzteren fällt auf, dass das Datum der Einäscherung auf dem Schein in der Regel mit 2 Tagen nach dem Ausstellen des Scheines angegeben wird, dieser aber dabei die Vergangenheitsform verwendet.
Verh./Ort Verhaftungsort
Verh./Datum Verhaftungsdatum
SMT Sowjetisches Militärtribunal, welches die Strafe verhängt hat
Strafe Höhe der verhängten Strafe
Grund Der Grund für die Bestrafung aus Sicht des SMT:
Der Urteilsauszug wurde aus dem Russischen ins Deutsche übersetzt. Er enthält neben den §§ aus dem russischen Gesetzbuch in der Regel nur eine ungenaue Kurzbeschreibung der Vorwürfe. Aus dieser kann der genaue Hergang nicht rekonstruiert werden. Allerdings ist ersichtlich, ob sich der Strafvorwurf auf die Zeit des Nationalsozialismus oder auf die Zeit nach Beendigung des 2. Weltkrieges bezieht.
NS Hinweise zur Verstrickung in nationalsozialistische Parteien oder Organisationen während der Zeit des Dritten Reiches
Inf. an Fam. Informationen darüber, wann die Familie was erfahren hat
Nicht in jedem Fall befinden sich „Duplikate“ von Anschreiben an Angehörige in den Unterlagen. Da es sich in den meisten Fällen um Kopien von verfilmten Unterlagen handelt, ist nicht ersichtlich, ob es Originale oder Durchschriften sind.

1 Vgl. Landesbeauftragte für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes in Sachsen-Anhalt, 9. Tätigkeitsbericht und 10. Tätigkeitsbericht.