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  DIE TORGAUER HÄFTLINGSURNEN
   
 


Mitteldeutsche Zeitung Halle, 15.09.2004, von Steffen Könau

Kein Gras über der Geschichte

Die Tafel auf dem Gertrauden-Friedhof in Halle hat die Stadtverwaltung vorsorglich entfernen lassen.
Es gibt Streit um die Frage, wie an das Schicksal der dort begrabenen 117 Toten erinnert werden soll. (MZ-Foto: W. Scholtyseck)
Halle/MZ.  Acht Grabsteine, ein Stück Rasen, eine Birke und zwei Bänke, so sieht der Ort aus, an dem zwei Vergangenheiten begraben sind. Es ist still auf dem halleschen Gertrauden-Friedhof, die Sonne scheint, und wäre da nicht die leere Hinweistafel, nichts würde darauf deuten, dass dieses Stück des Grabfeldes 24 derzeit Austragungsort eines Kampfes ist, in dem Halle erbittert um die Deutungshoheit über ein Stück Geschichte ringt.
Es geht um die Urnen von 117 Männern, die zwischen 1950 und 1953 im Gefängnis Torgau starben, nachdem sie von sowjetischen Militärtribunalen zu Zuchthausstrafen verurteilt worden waren. Nach ihrem Tod in der Haft, teils durch Krankheit, teils durch Selbstmord, wurden die Leichen zur Einäscherung nach Halle gebracht, ihre Urnen lagerte man in Regalen. Später wies das DDR-Innenministerium an, die Urnen anonym beizusetzen, um "politische Demonstrationen zu verhindern": 117 Tote wurden unweit der Friedhofsmauer verscharrt. Wo, erfuhren die Angehörigen nicht.
Ein Zustand, der den Opfern des Stalinismus seit Anfang der 90er Jahre unerträglich schien. "Es ging uns darum", sagt Harald Binder vom Bund der stalinistisch Verfolgten, "den Toten eine würdige Ruhestätte zu geben". Ein Ziel, das im letzten Sommer nach vielen Sitzungen einer Kommission aus Vertretern von Stadt, Land und Betroffenen-Verbänden erreicht schien. Die Torgauer Urnen wurden auf das Grabfeld 24 verlegt, Steine wurden gesetzt und die Informationstafel angebracht.
Ein Vorgang, den Jupp Gerats schon damals für "völlig unverantwortlich" hielt. Schließlich, argumentiert der Vorsitzende des Interessenverbandes ehemaliger Teilnehmer am antifaschistischen Widerstand (IVVdN), sei seinerzeit bereits bekannt gewesen, dass unter der Grasnarbe des Gertrauden-Friedhofs nicht nur Opfer, sondern auch NS-Täter liegen könnten.
Diese Befürchtung bestätigte sich durch Auskünfte von Gauck-Behörde und russischer Rehabilitationsbehörde. "Da sind Leute dabei, die an Erschießungen teilgenommen haben", sagt Gerats. So hätten zwei der Männer an der Ermordung von mehr als tausend KZ-Häftlingen im April 1945 bei Gardelegen teilgenommen. Zwar räume er ein, dass unter den 117 "schon einige Unschuldige dabei sein mögen". Die Mehrzahl der Urteile der sowjetischen Militärgerichte aber sei "schon ordentlich" gewesen. Immerhin hätten die russischen Behörden nicht einmal die Hälfte der Betroffenen rehabilitiert. "Das heißt, die wurden völlig zu Recht als Kriegsverbrecher verurteilt."
Auch Gerats kommt folglich nicht ohne die Vokabel "unerträglich" aus: Für die Verfolgten des Naziregimes sei es "unerträglich", dass Halle Täter an einem Platz dulde, in dem er einen "Ehrenhain" sieht. "Dieses Aufmarschfeld davor, diese Steine mit den Namen - hier geht es nicht um würdige Bestattung, sondern um ehrendes Gedenken."
Eine Auffassung, die Heidi Bohley vom Verein für Zeitgeschichte(n) den Kopf schütteln lässt. Über Jahre hinweg hat sich die frühere Bürgerrechtlerin mit der Geschichte der Toten aus Torgau beschäftigt. "Was mich dabei angetrieben hat, war der Gedanke, dass die Lebenden den Toten hier noch etwas schulden." Jeder Mensch habe Anspruch auf ein menschenwürdiges Begräbnis, glaubt sie. "Und ein Friedhof darf kein Ort sein, an dem zu Gericht gesessen wird."
Die Frage nach Schuld und Verantwortung müsse anderswo geklärt werden. "In Diktaturen werden Täter so oft zu Opfern und Opfer zu Tätern." Man müsse deshalb genau hinschauen und das ganze Bild sehen - "das geht nicht, indem man die Guten ins Töpfchen und die Schlechten ins Kröpfchen wirft."
Es war auch alles so schön ausgedacht. Eine Broschüre, ausgearbeitet von Michael Viebig von der Gedenkstätte Roter Ochse, sollte die Lebenswege der 117 beleuchten, sollte Schuld beschreiben und Schicksale in all ihren Widersprüchen spiegeln. "Die Umbettung", sagt Viebig, "sollte die Mindeststandards der Menschlichkeit diesen Leuten gegenüber herstellen, unabhängig davon, was sie sich vielleicht zuschulden haben kommen lassen." Die Aufarbeitung hingegen hätte Sache der schriftlichen Ausarbeitung sein sollen.
Hätte sein sollen. Doch dazu wird es wohl nicht mehr kommen. Vorerst ist die Arbeit an der Broschüre gestoppt. Und gleichzeitig droht aus dem monatelangen Gerangel hinter den Kulissen ein tosender Streit über den Gräbern zu werden. "Wir hatten so viel Druck von außen", erklärt Jupp Gerats, "dass wir der Stadt klar machen mussten, dass sich etwas tun muss." Gemeinsam mit der Jüdischen Gemeinde Halle, deren Chef Max Privorozki kategorisch eine Beseitigung des Ehrenhains fordert, drohte die IVVdN mit einem bundesweiten Skandal Marke "Eine Stadt ehrt ihre Kriegsverbrecher".
Im Rathaus schrillten die Alarmglocken. "Die Oberbürgermeisterin hat sofort verfügt, dass die Informationstafel erstmal entfernt wird", erklärt Stadtsprecher Franz Stänner. Eine Kommission aus renommierten Historikern solle den Gesamtkomplex nun beleuchten und Vorschläge machen, wie weiter verfahren werden könne. "Das muss natürlich mit sehr großer Sensibilität geschehen."
Die Entfernung der Informationstafel allerdings lässt Heidi Bohley am städtischen Fingerspitzengefühl zweifeln. "Der Text der Tafel war nicht anfechtbar", glaubt sie, "die Entfernung aber wirkt doch wie ein Schuldeingeständnis." Eines noch dazu, das nicht viel bewirken wird, wenn es nach Jupp Gerats geht. Nur der Abbau der Tafel allein, nein, das reiche nicht, Gras über die Torgau-Urnen wachsen zu lassen. "Wir wollen auf jeden Fall, dass der Platz vor den Grabsteinen weg kommt", sagt er, "und ob die Steine stehen bleiben sollen, darüber muss man auch reden."