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  DIE TORGAUER HÄFTLINGSURNEN
   
 


17. April 2005

Brief von Dr. Frank Hirschinger (Historiker)
an Wulf Gallert (Fraktionsvorsitzender der PDS-Fraktion im Landtag von Sachsen-Anhalt)

Betr.: Teilnahme eines Apologeten der stalinistischen Justiz an der Konferenz zum Thema "Die juristische Aufarbeitung von NS-Verbrechen und deren Widerspiegelung in der Gedenkkultur" am 4.5.2005 in Magdeburg.

Sehr geehrter Herr Gallert!

Wie ich der Internetseite der PDS-Landtagsfraktion entnehmen konnte, haben die PDS-Fraktion und der Bildungsverein Elbe-Saale vor, am 4.5.2005 eine Konferenz zu dem oben genannten Thema abzuhalten. Es ist vorgesehen, dass der Landesvorsitzende des "Interessenverbandes ehemaliger Teilnehmer am antifaschistischen Widerstand, Verfolgter des Naziregimes und Hinterbliebener" (IVVdN), Herr Jupp Gerats, als erster Referent spricht und am Nachmittag an der Podiumsdiskussion teilnimmt.

Ich halte die Wahl dieses Referenten für sehr unglücklich, da Herr Gerats im Herbst und Winter 2004 während der Diskussion um eine in Halle geschaffene Grabanlage für 117 Häftlinge, die von sowjetischen Militärtribunalen verurteilt worden waren und zwischen 1950 und 1953 in der Haft verstarben, mehrfach als Apologet der stalinistischen Justiz auftrat. So erklärte Herr Gerats gegenüber der "Mitteldeutschen Zeitung" am 16.9.2004, dass die Mehrzahl der sowjetischen Militärgerichtsurteile "schon ordentlich" gewesen sei. In einer Presseerklärung behauptete der von Gerats geführte IVVdN am 24.9.2004, dass man in Halle einen "Ehrenfriedhof als Gedenkstätte für Häftlinge, die als verurteilte Kriegsverbrecher und Naziaktivisten im Gefängnis Fort Zinna in den Jahren 1950 und 1953 verstorben waren, eingeweiht" habe. Mit Blick auf die Auseinandersetzungen um die Grabanlage gab Herr Gerats in der Dezemberausgabe des VVN-Organs "antifa" mit überraschender Offenheit zu:

"Dabei geht es gar nicht mehr um die Gräber der verstorbenen Häftlinge, dagegen hatten und haben wir keinerlei Einwände, es geht um die prinzipielle und unbedingt notwendige Auseinandersetzung mit der Meinung, dass alle durch sowjetische Militärtribunale Verurteilten, das heißt auch Kriegsverbrecher und Naziaktivisten, nicht nach 'rechtsstaatlichen Prinzipien' verurteilt, [sondern] die Geständnisse mit massiver Folter und Erpressung erzwungen worden seien."

Gerats's Auftreten als Apologet der stalinistischen Justiz ist angesichts seiner eigenen politischen Vergangenheit nicht weiter überraschend: Er befand sich zwischen 1945 und 1949 als Kriegsgefangener in sowjetischen Lagern und auf der Zentralschule Taliza, wo er politisch geschult wurde. Nach Deutschland zurückgekehrt, rechtfertigte er als Abteilungsleiter in der Kaderabteilung des SED-Landesvorstandes Sachsen-Anhalt (1949-1952) den im April 1950 veranstalteten Schauprozess gegen Sachsen-Anhalts Arbeitsminister Dr. Leo Herwegen (CDU) und Prof. Dr. Willi Brundert (SED, früher SPD) - beide wurden zu 15 Jahren Zuchthaus verurteilt - als "Aufdeckung des Komplotts Herwegen-Brundert". Die Entmachtung früherer Sozialdemokraten bezeichnete Gerats im Juni 1950 als "Aufdeckung des opportunistischen Spionagekomplotts innerhalb der Parteiorganisation". Über ehemalige sozialdemokratische Funktionäre verfasste er negative Beurteilungen, die ich im Rahmen einer Recherche zum Thema "Stalinismus" in einer Stasi-Akte fand (BStU, MfS BV Halle AOP 179/56, Bl. 127, 157-159). Gerats war damals als Dozent für "Gesellschaftskunde" an der Richterschule tätig, die von seinem Bruder Hans geleitet wurde (Landesarchiv Merseburg, Landesleitung der SED Sachsen-Anhalt V/8/209, Bl. 159).

Aber noch aus einem weiteren Grund halte ich Herrn Gerats für ungeeignet, um - wie aus dem Programm der Konferenz ersichtlich - zum Thema "Die juristische Aufarbeitung von NS-Verbrechen in Deutschland aus dem Blickwinkel eines Zeitzeugen" zu sprechen: Aufgrund der politischen Betätigung seines Bruders Hans musste Herr Gerats 1934 im Alter von 15 Jahren zwar mit der gesamten Familie nach Holland emigrieren, doch er selbst wurde nicht verfolgt. Im Gegensatz zu den biographischen Fälschungen, die heute von der "Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes" (VVN) über Herrn Gerats verbreitet werden (www.vvn-bda.de, "antifa" - Archiv, Ausgabe Oktober/November 2004, Artikel "Jupp war Henk 3290"), war Herr Gerats zwischen 1940 und 1945 weder interniert, noch inhaftiert, "wehrunwürdig", Zwangsarbeiter, Deserteur und Partisan, sondern Mitglied des deutschen Luftschutzes und regulärer Soldat der Wehrmacht. Das geht aus einem mir vorliegenden handgeschriebenen Lebenslauf hervor, den Herr Gerats am 28.4.1949 verfasste und unterzeichnete:

"1938 erhielten wir das Asylrecht als politische Flüchtlinge in Holland. Ich konnte dann kurze Zeit studieren als Graphologe. 1940 bei der Besetzung Hollands entging ich einer Verhaftung, weil meine Mutter und mein Bruder, die beide unter Anklage von Hochverrat standen, mich deckten und auf Grund meiner Jugend bei der Emigration 1934. 1940 wurde ich am Jahresende zum Luftschutz einberufen und 1943 am 15. Juli zur Wehrmacht LN. Ausb. Rgt. 307 in Augsburg. Meine letzte Einheit war LN. Rgt. 233 und Dienstgrad Gefreiter. Bei der Kapitulation im Mai 1945 meldete ich mich bei der Dienststelle der Roten Armee in Caslau in der Tschechoslowakei. (...)
Halle/Saale, den 28.IV.1949 J. Gerats"
(Landesarchiv Merseburg, Landesleitung der SED Sachsen-Anhalt V/8/209, Bl. 160 f)

In einem VVN-Zusatzfragebogen, den Herr Gerats am 27.11.1949 ausfüllte und unterschrieb, heißt es:

"Funktionen: SED. Funktionär des Landesvorstandes. Mitgl. des Vorstandes der Parteigruppe Landesvorstand. Dozent für Gesellschaftskunde an der Richterschule. Referent.
Anklage: - (...)
Grund der Verfolgung polit.: - rassisch: - religiös: -
KZ -
Zuchthaus -
Gefängnis -
Sonst. Lag. - (...)
Halle, den 27.11.1949 J. Gerats"
(Landesarchiv Merseburg, Landesleitung der SED Sachsen-Anhalt V/8/209, Bl. 159).

Ich habe Herrn Gerats, der Mitglied des VVN-Bundesausschusses ist, gebeten, mir mitzuteilen, wo und wann er inhaftiert, Zwangsarbeiter, Deserteur etc. gewesen sei, was er mir in einem Brief (7.12.2004) nicht beantwortete. Ich habe ihn auch darüber informiert, dass er von der VVN zum "Überlebenden des Holocaust" stilisiert wird (www.vvn-bda.de, Presseerklärung "Holocaustüberlebende verurteilen den Richterspruch aus Karlsruhe zugunsten des Antisemitismus" vom 16.7.2004, unterzeichnet von "Josef Gerats, Halle, Überlebender des Holocaust"), wovon er sich zwar distanzierte, aber offenbar nichts unternahm, um diese falsche Eintragung löschen zu lassen. Trotz meiner Intervention bei den VVN-Bundessprechern Peter Gingold (DKP) und Ludwig Elm (früherer Diplomlehrer für Marxismus-Leninismus und PDS-Bundestagsabgeordneter) erfolgte vermutlich auch von deren Seite nichts zur Abstellung dieses Skandals, denn Gerats firmiert auf der VVN-Internetseite noch immer als "Überlebender des Holocaust".

Ich fasse zusammen: Ein ehemaliger SED-Funktionär, der als Dozent an der Richterschule wirkte und Säuberungsmaßnahmen des Parteiapparates unterstützte, tritt als Apologet der stalinistischen Justiz auf und erhält mit Hilfe seiner grotesk aufgeblasenen offiziellen Antifa-Biographie Zutritt zu einer Veranstaltung, an der Juristen und ausgewiesene Kenner ihres Fachs teilnehmen. Wie Gerats’ Kampagne gegen die von sowjetischen Militärtribunalen verurteilten und verstorbenen Häftlinge zeigt, instrumentalisiert er das Andenken an die Opfer des NS-Regimes und den antifaschistischen Grundkonsens unserer Gesellschaft, um politische Ziele zu erreichen. Dem halte ich entgegen, was die vom Deutschen Bundestag eingesetzte Enquete-Kommission "Überwindung der Folgen der SED-Diktatur im Prozess der deutschen Einheit" in ihrem Schlussbericht formulierte:

"Die NS-Verbrechen dürfen durch die Auseinandersetzung mit den Verbrechen des Stalinismus nicht relativiert werden. Die stalinistischen Verbrechen dürfen durch den Hinweis auf die NS-Verbrechen nicht bagatellisiert werden."

Ich frage Sie nun, Herr Gallert, ob Sie die Teilnahme von Herrn Gerats unter diesen Umständen weiterhin für gerechtfertigt und klug halten. Für eventuelle Rückfragen stehe ich Ihnen gerne zur Verfügung.

Mit freundlichen Grüßen
F. Hirschinger

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