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  DIE TORGAUER HÄFTLINGSURNEN
   
 


Halle, den 2.12. 2005

Mitteldeutsche Zeitung: Halles ratloser Blick geht nach Fünfeichen

Tagung zu strittigen Torgau-Urnen - Häußler sucht Gespräch


von Andreas Lohmann

Halle/MZ. "Hier wurde von Anfang an vieles versäumt." Rita Lüdtke aus Neubrandenburg meinte mit "hier" die Stadt Halle. Aus ihren Worten sprach Mitleid. Die frühere Leiterin des Grünflächenamtes der Vier-Tore-Stadt zeigte am Donnerstag im Kempinski-Hotel auf, wie man in der Gedenkstätte Fünfeichen vorbildhaft mit deutscher Geschichte umgeht. Geehrt wird dort sowohl das Andenken an die Opfer des Faschismus als auch das der Opfer des Stalinismus. Und Streit zwischen den Opferverbänden, so Frau Lüdtke, habe es darum nicht gegeben. In Gestaltungsfragen habe man den Stadtrat und die Öffentlichkeit einbezogen. Kann Halle davon noch lernen?

Weiter ungelöst ist "hier" der Streit um die Urnen von 117 Toten aus dem sowjetischen Militärgefängnis Torgau. Sie liegen auf einem Grabfeld des Gertraudenfriedhofs. Antifaschisten wollen dort eine Gedenkstätte für Kriegsverbrecher erkennen und setzten bei Oberbürgermeisterin Ingrid Häußler (SPD) durch, dass eine Tafel, die auf das in Torgau geschehene Unrecht hinweist, wieder entfernt wird. Verfolgte des Stalinismus sprachen von einer neuerlichen Denunziation der Kommunisten. Und diese müssten Beweise vorlegen, dass unter den Toten Verbrecher sind.

Eine Tagung, organisiert vom Verein Zeitgeschichte(n), sollte zur Klärung beitragen. Etwa 80 Teilnehmer kamen, nicht vertreten war der Interessenverband der Naziverfolgten, auch die PDS schickte wie angekündigt keinen offiziellen Vertreter (die MZ berichtete). Ein greifbares Ergebnis oder gar eine Einigung blieben somit aus. "Ich bin ratlos über diesen Konflikt", sagte Uta Leichsenring, Leiterin der Birthler-Behörde in Halle. Am Morgen hatte man sich mehrere Grabstätten und Ehrengräber auf dem Gertraudenfriedhof angesehen und mit dem Grabfeld 24, wo die Torgauer Urnen liegen, verglichen. Das Feld 24 gehe nicht über eine Gestaltung normalen Maßes hinaus, urteilte CDU-Stadtrat Werner Misch. Deshalb bestehe kein Grund, viel zu verändern.

Kern des Streits bleibt der Text auf der Tafel. Das Verwaltungsgericht Halle hatte eine Ergänzung vorgeschlagen. Häußler ging darauf bisher nicht ein. Stadtsprecher Franz Stänner teilte im Kempinski mit, die OB wolle noch vor Weihnachten Gespräche mit Stadträten und den streitenden Opferverbänden führen. Im Januar wolle sie einen Lösungsvorschlag machen.