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  DIE TORGAUER HÄFTLINGSURNEN
   
 

Halle, den 22.01. 2007

Mitteldeutsche Zeitung: Biografien von Antifaschisten

Dichtung und Wahrheit in Halle
Der Historiker Frank Hirschinger weist Fälle der Umwidmung nach

von Christian Eger


Fassade des Wabbel-Stadions in Halle: Obwohl der Arbeitersportler Kurt Wabbel 1944 in der KZ-Außenstelle Wernigerode nicht von der SS getötet wurde, wird er in der DDR als SS-Mordopfer in den Geschichtsbüchern geführt. Die Skulpturen an der Stadion-Mauer wurden 1934 für die heute abgetragene NS-Thingstätte Brandberge bei Halle gefertigt. (MZ-Foto: Andreas Stedtler)



Im September 2004 braut sich ein mittleres geschichtspolitisches Gewitter über dem halleschen Gertraudenfriedhof zusammen. Ausgelöst von einer Tafel, die Auskunft über 117 Häftlinge aus dem Sowjet-Lager Torgau geben soll, deren Urnen zwischen 1950 und 1953 anonym auf dem Friedhof verscharrt worden sind und die seit 2003 über eine vor Ort gestaltete Grabanlage verfügen.
Der hallesche Zeitgeschichte(n)-Verein steht für das Projekt, der "Interessenverband ehemaliger Teilnehmer am antifaschistischen Widerstand, Verfolgter des Naziregimes und Hinterbliebener" (IVVdN) dagegen. Vor allem ein Mann ist es, der in den Debatten zu Wort kommt und sehr genau weiß, dass es mehrheitlich "ordentlich" abgeurteilte "Kriegsverbrecher" seien, die da in dem Urnenhain ihre Ruhe fanden. Nicht nur die Tafel müsse verschwinden, sondern "der Platz vor den Grabsteinen".
Jupp Gerats, Jahrgang 1919, Landes-Chef des IVVdN in Sachsen-Anhalt, kämpft mit allen ihm verfügbaren politischen und medialen Mitteln. Sein Engagement gilt dabei als von seiner eigenen Biografie gedeckt: Widerstand gegen das NS-Regime von 1933 bis 1945, Partisanenkampf, Internierung, Zwangsarbeit, Wehrunwürdigkeit und Desertion. Von all dem aber könne nach Prüfung der Akten gar keine Rede sein, weist der hallesche Historiker Frank Hirschinger in seiner Studie "Fälschung und Instrumentalisierung antifaschistischer Biographien. Das Beispiel Halle / Saale 1945-2005" nach. "Vom Wehrmachtsgefreiten zum Antifa-Funktionär" ist das Kapitel "Der Fall Jupp Gerats" überschrieben, eines von acht Beispielen, die Fälschungen von Biografien nachweisen.

Auskunft im Fragebogen
Josef "Jupp" Gerats wird 1919 in Goch am Niederrhein geboren und zieht 1934 mit seiner Mutter und seinem älteren Bruder - beide von den Nazis verfolgt - in die Emigration nach Holland. Der Junge, der bis 1933 der Katholischen Jugendbewegung angehörte, will - ohne Nennung stichhaltiger Zeugen - bis 1938 einer Widerstandsgruppe angehört, sich aber dann aus ideologischen Unstimmigkeiten zurückgezogen haben. Tatsächlich wird Gerats 1938 Vater eines Sohnes und lässt sich von den holländischen Behörden legalisieren. Nach dem deutschen Einmarsch 1940 werden seine Mutter und sein Bruder interniert, Jupp Gerats aber nicht. 1943 zur Wehrmacht einberufen, kehrt er 1949 aus sowjetischer Kriegsgefangenschaft zurück, um in und um Halle eine SED-Kader-Karriere zu absolvieren.
In einem Fragebogen von 1949 vermerkt Gerats, dass er weder politisch, noch "rassisch" oder religiös verfolgt worden sei. Fragen nach Inhaftierungen beantwortet er negativ. In einem Lebenslauf aus demselben Jahr erklärt er seine Einberufung zur Wehrmacht, von "Wehrunwürdigkeit" ist keine Rede. Deshalb wird Gerats 1949 - im Gegensatz zu seiner Mutter und seinem Bruder - nicht als "Opfer des Faschismus" anerkannt.
Für die Öffentlichkeit aber baut sich das Bild des "Widerstandskämpfers" auf, bis hin zur Bezeichnung des Nicht-Juden Gerats als "Holocaust-Überlebender". Nach 1989 redet dieser plötzlich von einer Bekanntschaft mit Anne Frank, die zuvor nie erwähnt worden ist. Entweder, meint Hirschinger, befand Gerats diese für unerheblich, was erstaunen würde, oder sie hat nicht stattgefunden. In den holländischen Archiven ist Gerats als Widerständler nicht nachweisbar.

Für Hirschinger ist der Fall Gerats insofern interessant, als er beispielhaft vorführt, wie auch antifaschistische Biografien nach 1945 gefälscht worden sind, um tagespolitischen Interessen zu dienen - und das bis in die Gegenwart, wie der Streit um die Torgau-Urnen zeigt. So recherchiert Hirschinger detailgenau Fälle von Kommunisten, die - ebenfalls auf dem Gertraudenfriedhof - in der "Gedenkstätte der Kämpfer für Frieden und Sozialismus" geehrt werden, die einst reihenweise Genossen an die Gestapo verrieten. Auch der tragische Fall des homosexuellen Schwerathleten Kurt Wabbel (1901-1944) rückt in den Blick, der als "Funktionshäftling" im KZ keinesfalls, wie in der DDR behauptet, von der SS ermordet wurde, sondern - wie die Akten zeigen - entweder den Freitod wählte oder von Mithäftlingen getötet worden ist. Da ist die KPD-Funktionärin Martha Brautzsch, die 1946 bei Halle keinesfalls von "Kräften der Reaktion" erschossen wurde, sondern von einem marodierenden Sowjetsoldaten. Vertuschung schlug in Propaganda um, die sich in der DDR ihre Denkmäler in Gebäude- und Straßennamen schuf. Offenbar gab es weniger unangefochtene Kommunisten, als es Posten und Postamente zu besetzen galt.

Schreiben ohne Antwort
In einem Brief vom Dezember 2004 weist Jupp Gerats alle Anfragen von Frank Hirschinger - ohne sie zu beantworten - als "zusammenhanglos" und ehrabschneidend zurück. Er verweist auf seine Verbands-Kameraden, die seine Biografie "sehr gut beurteilen" könnten. "Ihr Vertrauen ist für mich entscheidend." Was heißt, dass es völlig unerheblich sei, ob für die Öffentlichkeit, um deren Vertrauen man wirbt, die behauptete Legitimation politischen Handelns nachvollziehbar sei oder eben nicht.


Buchpremiere in Leipzig & Halle

Montag: Vortrag und Diskussion mit Frank Hirschinger und Ehrhart Neubert in Leipzig, Museum in der "Runden Ecke", Dittrichring 24, 19 Uhr.

Dienstag: Vortrag, Lesung, Diskussion mit Frank Hirschinger und Ehrhart Neubert in Halle, Gedenkstätte "Roter Ochse", Am Kirchtor, 19 Uhr.

Das Buch: Frank Hirschinger: "Fälschung und Instrumentalisierung antifaschistischer Biographien. Das Beispiel Halle / Saale 1945-2005", Göttingen, V & R unipress, 175 Seiten, 22,90 Euro.