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  DIE TORGAUER HÄFTLINGSURNEN
   
 

Halle, 22.09.2004

Brief des Historikers Dr. Frank Hirschinger an OB Ingrid Häußler und die Mitteldeutsche Zeitung Halle
Betr. Entfernung der Gedenktafel auf dem Gräberfeld 24 des Gertraudenfriedhofs

Sehr geehrte Frau Häußler!

Bevor ich mich zu der von Ihnen verfügten Entfernung der Gedenktafel auf dem Gertraudenfriedhof äußere, möchte ich vorausschicken, dass ich im Jahr 2000 mit einer Dissertation über nationalsozialistische Massenmorde im Rahmen der so genannten NS-"Euthanasie" promoviert habe und seitdem in zahlreichen Vorträgen gegen den nationalsozialistischen Rassenwahn aufgetreten bin, d.h., ich bin irgendwelcher Sympathien für verurteilte NS-Kriegsverbrecher unverdächtig.

Ich halte die Entfernung der Gedenktafel für skandalös, da durch diesen Akt alle auf dem Gräberfeld bestatteten Opfer des Stalinismus unterschiedslos in den Verdacht geraten, zu Recht verurteilte und umgekommene Massenmörder gewesen zu sein. Die Gedenktafel stellte lediglich fest, dass die hier bestatteten Toten im Rahmen nicht rechtsstaatlicher Verfahren abgeurteilt wurden, unter menschenunwürdigen Zuständen im Gefängnis umkamen und anschließend ebenso unwürdig "bestattet" wurden. Daran darf man meiner Ansicht nach erinnern, zumal selbst in der Gedenkstätte Buchenwald an die Opfer des dort befindlichen sowjetischen Speziallagers Nr. 2 zwischen 1945 und 1950 erinnert wird – zwar räumlich getrennt von der Darstellung der Lagergeschichte vor 1945, aber mit eigener Dauerausstellung und Publikation. Buchenwald ist also bereits einige Schritte weiter als Halle, wo es einer kleinen Gruppe um den ehemaligen SED-Funktionär Jupp Gerats gelang, Panik zu verbreiten und die Stadt zur Entfernung einer inhaltlich korrekten, rein informativ gehaltenen Tafel zu veranlassen. Doch Gerats scheint noch weitergehende Pläne zu verfolgen, die letztlich auf die Einebnung des Gräberfeldes und Wiederherstellung des zu DDR-Zeiten herrschenden Zustandes hinauslaufen. Glaubt man seinen Äußerungen in der Presse, so müssen auch die Steine auf dem Gräberfeld verschwinden, denn die Urteile sowjetischer Militärgerichte seien "ordentlich" gewesen. In einer so genannten "Dokumentation", die meines Wissens auch Ihnen zuging, versucht Gerats den Nachweis zu erbringen, dass die in Torgau elend umgekommenen Häftlinge eines natürlichen Todes an allgemein verbreiteten Volkkrankheiten gestorben seien.
Gerats Argumentation ist angesichts seiner politischen Vergangenheit nicht weiter verwunderlich, da er in der fraglichen Zeit, d.h. zwischen 1949 und 1952 als Abteilungsleiter in der Kaderabteilung des SED-Landesvorstandes und als Dozent an der Richterschule tätig war. Er vertrat damals auch die parteioffizielle Interpretation des Dessauer Schauprozesses, der im April 1950 gegen den sachsen-anhaltinischen Arbeitsminister Leo Herwegen (CDU) und den stellvertretenden Wirtschaftsminister Willi Brundert (SED, früher SPD) geführt wurde. Beide wurden mit Hilfe fingierter Anklagen und erpresster Geständnis zu 15 Jahren Zuchthaus verurteilt. In Beurteilungen, die Gerats am 8.6.1950 verfasste und die ich in einer Akte des Staatssicherheitsdienstes fand, warf Gerats dem früheren SPD-Funktionär Hermann Prübenau vor, nicht zur "Aufdeckung des opportunistischen Spionagekomplotts innerhalb der Parteiorganisation" und zum Fall Herwegen-Brundert Stellung genommen zu haben. Bei der "Auswertung der Aufdeckung des Komplotts Herwegen-Brundert" sei "auch der Name Jungmann verschiedentlich genannt" worden. Der frühere SPD-Funktionär Fritz Jungmann (1950 Präsident der Landeshandwerkskammer) entzog sich der drohenden Gefahr durch Flucht in den Westen. Prübenau wurde von seinem Amt als Leiter der Kommunalabteilung im SED-Landesvorstand abgezogen und degradiert.
Die späteren Konflikte des heutigen IVVdN-Landesvorsitzenden Gerats mit der SED, auf die er heute gerne verweist, entzündeten sich an seiner als verdächtig empfundenen Westemigration in Holland und anschließenden Zugehörigkeit zur deutschen Wehrmacht. Die Landesparteikontrollkommission stellte dazu bereits 1950 fest: "1943 wurde er dann von der Wehrmacht eingezogen, eine Bestrafung war nicht erfolgt. Die Kommission kann sich nicht entschließen, ohne Bedenken die Belassung dieses Genossen auf seiner Position zu empfehlen." Gerats gehörte der Wehrmacht nicht als Mitglied eines Strafbataillons, sondern als regulärer deutscher Soldat an. Er wurde zum Gefreiten befördert und geriet 1945 in sowjetische Gefangenschaft. Ich bin in der Lage, die genannten Fakten mit Dokumenten aus mehreren Archiven zu belegen.

Ich halte es angesichts dieser Biographie für unerträglich, dass sich Gerats die Deutungshoheit über Opfer des Stalinismus anmaßt und die jüdische Gemeinde, die von den oben dargestellten Zusammenhängen nichts ahnt, für seine Zwecke instrumentalisiert. Die historische Kompetenz von Altstalinisten, die sich an der Entmachtung früherer Sozialdemokraten beteiligten, möchte ich mehr als bezweifeln.

Mit freundlichen Grüßen

gez. F. Hirschinger

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