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  DIE TORGAUER HÄFTLINGSURNEN
   
 


Berlin, 29.09.2004

FORUM zur Aufklärung und Erneuerung e.V.
Brief des Vorstandsvorsitzenden Reinhard Dobrinski an die OB von Halle

Wortmeldung zum unwürdigen Gebaren um die Torgauer Urnen auf dem Gertraudenfriedhof Halle und die dazugehörige Informationstafel

Sehr geehrte Frau Häußler,

Wortmeldungen, ob als Brief oder in anderer Form, sind für den Verfasser oft ein Aufschrei der Seele, insbesondere dann, wenn die Verletzung von Grund- und Menschenrechten oder gar Verbrechen gegen die Menschlichkeit im Verhalten von Verantwortungsträgern keine oder keine adäquate Antwort erfahren oder Sachverhalte durch ideologiebefangene Streitkulturen an die Grenzen zivilisierten Verhaltens heranführen.

Für diesen Brief ist ein solcher Anlaß seit längerem gegeben, aber Rat aus der Ferne war reiflicher Überlegung zu unterwerfen. Die schon trübsinnig machenden Brandenburger Erfahrungen um gleichgelagerte Vorgänge in der Gedenkstätte "KZ Sachsenhausen/ Internierungslager 1945 - 1950" haben uns hoffen lassen, daß die Auseinandersetzungen um das 2002 angelegte Gräberfeld für die Torgauer Urnen und die Informationstafel dem Gebot der Vernunft zu folgen vermögen. Doch die vorsätzliche Mißdeutung der Informationstafel als Gedenktafel und die Erhebung des Gräberfeldes zu einem "Aufmarschfeld" nährten die Befürchtung, daß diesem Erbe der kommunistischen Diktaturen in der damaligen SBZ/DDR nicht mit Angemessenheit begegnet werden wird. Der Brief Ihrer Vertreterin, Frau Bürgermeisterin Dagmar Szabados, an den Verein der Opfer des Stalinismus, Herrn Stiehl, hat schließlich alle Hoffnung gegen null gehen lassen. Die dort von Frau Szabados gewählte Anhäufung von Begriffen wie Irritationen, Spekulationen, Fehlinterpretationen, Mißverständnisse... ist ideologischen Ursprungs und gewinnt für den schwierigen Sachverhalt nichts, auch gar nichts, hinzu. Selbst wenn jetzt über Gutachter die historischen und juristischen Wissenschaften bemüht werden sollen, für die Entfernung der Informationstafel einen Rechtfertigungsgrund zu liefern, wird die mißratene Entscheidung der Stadtverwaltung Halle dadurch nicht qualifizierter. An einer historischen Wahrheit wird nicht vorbeizukommen sein. Dem vereinten Deutschland ist ein Erbe und der Stadt Halle ein Teil davon zugefallen, was zu bewältigen sein wird.

In dieses Erbe der kommunistischen Diktaturen ist auch die historische Tatsache eingebunden, die durch Herrn Jupp Gerats einer Bewältigung durch Verdrängung unterliegt, daß in der SBZ/ DDR die Rechtsgrundsätze zur Ahndung der NS-Verbrechen gegen den Frieden und die Menschlichkeit, die die Alliierten sich und den Vereinigten Nationen durch das Potsdamer Abkommen, das Kontrollratsgesetz (KRG) Nr. 10 vom 20.12.1945, die Kontrollratsdirektive Nr. 38 und das Statut für die Nürnberger Kriegsverbrecherprozesse gegeben haben, durch eine diktaturprägende Rechtspraxis umgesetzt wurde.
Diese "Rechtspraxis", die die Internierung tausender Unschuldiger und tausendfachen Tod durch Hunger, Krankheit und Siechtum einschloß, war ein Rückfall in das Barbarentum, indem das Zivilisationsmerkmal einer würdigen Bestattung durch illegales "Entsorgen" von Leichen ersetzt wurde. Das KRG Nr. 10 liefert für diese GuLag-Praxis in der damaligen SBZ/DDR jedenfalls keine Grundlagen. Im Gegenteil, gemäß Artikel III 1. b) des KRG waren Namen von Personen, die eines Verbrechens verdächtig sind, der Inhaftierungsort, Zeugen und Beweismittel dem Justizdirektorium der Alliierten mitzuteilen, eine Strafrechtspraxis, die mit dem stalinistischen Terror unvereinbar war. Diesen Folgen haben wir uns gemeinsam zu stellen. Ein Lösungsansatz darin zu suchen, die Gebeine von im Umfeld von Internierungslagern Verscharrten zu sortieren, ist wenig hilfreich. Wenn Herr Gerats sich heute immer noch der "Mengenlehre" bedient, um eine Mehrzahl von Kriegsverbrechern unter den Insassen der Internierungslager auszumachen, dann schöpft er sein Wissen offensichtlich noch aus einschlägigen DDR-Quellen, aber auch damit ist nicht weiterzukommen. Totenlisten und Bestattungsorte der Internierten kann er weder nachweisen noch erhebt er die Frage danach.

Ein der Vergessenheit zu entreißender Artikel von Dr. Hildegard Heinze, Hauptabteilungsleiterin im DDR-Justizministerium, der im Zusammenhang mit den Waldheimer "Kriegsverbrecherprozessen" in "Neue Justiz" Nr. 7/1950 S. 250 erschienen war (hier als Anlage beigefügt), lancierte schon damals in ergebendster Treue zur Sowjetunion diese Aussage. Ungewollt nennt die Autorin jedoch die Anzahl in den Jahren 1948 und Anfang 1950 entlassener Internierter oder Verurteilter, und zwar etwa 43 000, "die entweder persönlich keine schweren Verbrechen begangen hatten oder früher von den sowjetischen Militärgerichten verurteilt worden waren."

An anderer Stelle verwickelt sich H. Heinze in einen unlösbaren Widerspruch: "Bei den bisher Angeklagten und verurteilten Personen handelt es sich ausschließlich um faschistische Verbrecher und Hauptverbrecher im Sinne der Direktive Nr. 38   und des Gesetzes Nr. 10 des Kontrollrates, und zwar mit wenigen Ausnahmen um solche, die ihre Verbrechen vor dem 8. Mai 1945 begangen hatten." Natürlich wußte Hauptabteilungsleiterin Heinze, daß sie sich der Unwahrheit bediente und die massenhaften Übergriffe gegen Schüler und andere Unschuldige, oft Opfer von Denunziationen, in der SBZ verschwieg. Wenn sie das auch noch als "einen wertvollen Beitrag zur Verwirklichung des Potsdamer Abkommens" herausstellt, hat sie bereits in der Geburtsstunde der DDR die Abkehr von den Grund- und Menschenrechten zur Staatsnorm erhoben.

Sehr geehrte Frau Oberbürgermeisterin, dem Unterzeichnenden sind Ihre Worte anläßlich des Empfanges der Teilnehmer des Bundeskongresses 2002 der Opfer der SED-Diktatur in Halle in guter Erinnerung. Wir bauen darauf die Hoffnung, daß Sie die Auseinandersetzungen um das Gräberfeld mit den 117 Torgauer Toten auf den Weg der Vernunft zurückzuführen vermögen.

Mit freundlichen Grüßen

gez. Reinhard Dobrinski
Berlin, den 25.9.2004

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